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Mönchengladbach: Lüpertz und die Hassliebe zu Rheydt

Mönchengladbach : Lüpertz und die Hassliebe zu Rheydt

Obwohl in Böhmen geboren, bezeichnet sich der Künstler bis heute als Rheydter. Als Markus Lüpertz nun im Haus Erholung mit dem "Närrischen Maulkorb" geehrt wurde, nutzte er die Gelegenheit, über seine Vergangenheit zu plaudern. Er offenbarte so manches spannende Detail.

Er war nicht gekommen, um mit verbalen Wattebäuschchen zu werfen. Doch erstens wäre das auch sehr untypisch gewesen für Markus Lüpertz — und zweitens auch gar nicht im Sinne der Auszeichnung, die ihm die Karnevalisten der Städte Mönchengladbach, Düsseldorf und Neuss soeben überreicht hatten. Den "Närrischen Maulkorb" nämlich, der für spitze Zungenschläge, offene Worte und unverhohlene Meinungen vergeben wird. Der Grafiker, Maler und Bildhauer nutzte die Gelegenheit am Montagabend im Haus Erholung, um über seine Gladbacher Vergangenheit zu reminiszieren, die nicht zuletzt auch eine Rheydter Vergangenheit ist. Eine "tiefe Hassliebe" verbinde ihn mit der Stadt, sagte der 70-Jährige. Und: "Mönchengladbach war mir immer unheimlich."

Geboren wurde Lüpertz zwar nicht in der Vitusstadt, sondern im böhmischen Reichenberg, dem heutigen Liberec. Als er sieben Jahre alt war, flüchtete seine Familie nach Rheydt. Seine Vorfahren wiederum, sagte Lüpertz, seien im 17. Jahrhundert von Mönchengladbach nach Böhmen ausgewandert. Daher auch die Namens-Nähe zur Lüpertzender Straße: "Lüpertzend war damals eine Mühle. Meine Vorfahren stammten von dort." Als junger Mann habe er einmal in Gladbach ein Mädchen kennengelernt, das mit Nachnamen ebenfalls Lüpertz hieß: "Es war also leicht für uns, in Hotels zu gelangen."

Er betrachte sich also noch immer als Rheydter, so der Künstler, auch wenn er sich im Laufe der Karriere immer weiter davon entfernt hat. Von 1988 bis 2009 war Lüpertz Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie, mittlerweile lebt und arbeitet er in Berlin, Düsseldorf, Florenz und Karlsruhe. Sein Atelier ist in Teltow vor den Toren der Bundeshauptstadt. Er sei jedoch "nach wie vor in Rheydt gemeldet" und habe auch immer noch ein Haus dort. In der Vitusstadt hat Lüpertz schließlich die für ihn prägendsten Ereignisse erlebt.

Als etwa Rheydt und Gladbach zusammengelegt wurden, habe er sich vehement dagegen gewehrt — "das erste Mal überhaupt, dass ich mich politisch oder in einem Verein engagiert habe". Als 1964 die Kaiser-Friedrich-Halle brannte, hatte er ein Atelier gegenüber — "und wurde zeitweise verdächtigt". Borussia-Fan sei er zeit seines Lebens geblieben, sagte der ballverliebte Künstler, der in der Jugend für den RSV und die Borussia spielte und das Kicken in seiner eigenen Truppe "Lokomotive Lüpertz" erst 2006 aufgegeben hat — nachdem er beim Autofahren eingeschlafen war und einen Unfall fabriziert hatte.

Kunst, hat der offensiv selbstverliebte Malerfürst einmal der "Welt" gesagt, ist für ihn nur dann groß, wenn sie das Prinzip des Scheiterns beinhaltet: "Scheitern ist letzten Endes das, was ich unter Genie verstehe." Ob er den Stadtteil Rheydt deshalb genial findet, ließ Lüpertz offen. Doch er beschrieb ihn wie etwas, das zumindest im Begriff ist zu scheitern. Erst malte er mit Worten ein ästhetisches, stilisiertes Bild einer blühenden Rheydter Vergangenheit, dann kontrastierte er dieses mit den Eindrücken, die er am Nachmittag bei einem Spaziergang gesammelt hatte. Er wetterte über "erstaunliche architektonische Verbrechen", darüber, dass er "tief erschreckt" gewesen sei. Das Mittagessen im Geneickener Bahnhof immerhin, das sei großartig gewesen.

(RP/rl)