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Long-Covid-Patientin Bettina Görtz (59) aus Mönchengladbach möchte anderen Betroffenen mit einer Idee helfen

Long-Covid-Patientin aus Mönchengladbach : „Seit Corona habe ich jeden Tag Schüttelfrost“

Atemnot, Schweißausbrüche, Erschöpfung: Bettina Görtz kämpft seit mehr als einem Jahr mit den Folgen ihrer Corona-Infektion. Über Facebook-Gruppen tauscht sie sich mit Betroffenen aus. Doch sie hat noch eine Idee, was ihr und anderen Long-Covid-Patienten helfen könnte.

Jeden Tag um 13 Uhr fängt es an. Bettina Görtz läuft ein Schauer über den Rücken, sie zittert. Ihr wird kalt, sie friert, bibbert. „Seit ich an Corona erkrankt bin, habe ich jeden Tag Schüttelfrost“, sagt die 59-Jährige. „Da kann ich die Uhr nach stellen.“ Görtz zieht sich dann mit einer warmen Decke auf ihren Sessel zurück, kuschelt sich ein und wartet, bis es vorbei ist. Seit sie sich im April 2020 infiziert hat, geht das so. Görtz hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es irgendwann besser wird. Doch sie fragt sich schon lange, was ihr noch helfen könnte.

Die Ärzte können es bislang nicht. Weder der Hausarzt noch der Kardiologe oder der Lungenfacharzt. Das Leistungs-EKG muss sie abbrechen, weil sie keine Luft mehr bekommt. „Sie müssen mehr Sport machen, dann bekommen sie auch wieder Luft“, habe der Lungenfacharzt zu ihr gesagt. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Görtz. Bevor die 59-Jährige an Covid-19 erkrankt, joggt sie zwei Mal pro Woche mindestens zehn Kilometer. „Ich war nie Leistungssportlerin, aber ich habe mich immer fit gehalten, immer Sport gemacht.“ Erst seit ihrer Corona-Erkrankung sei das nicht mehr möglich.

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Wenn sie die Wäsche aus dem Keller holen möchte, hat sie schon vorher Bedenken, ob sie mit dem Korb auch wieder die Treppen hochkommt. Oft muss sie nach fünf Stufen eine längere Pause machen, um wieder zu Atem zu kommen. Neben der Atemnot und dem Schüttelfrost leidet sie am Chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS). Sie ist ständig müde, selbst das Haarewaschen strengt sie so sehr an, dass sie sich danach am liebsten hinlegen möchte. Sie vergisst Dinge, hat Erinnerungslücken. „Oft fange ich Sätze und weiß plötzlich gar nicht mehr, wie ich sie zu Ende bringen wollte.“

Über all das führt sie Tagebuch. Das hilft. Und sie tauscht sich mit anderen Leidensgenossen auf Facebook aus, zum Beispiel über die Gruppe „Leben mit Covid-19“. „Es tut gut, mit Menschen zu schreiben, denen es genauso oder zumindest ähnlich geht wie mir“, sagt Görtz. „So fühle ich mich weniger alleine damit.“ In ihrem analogen Leben höre sie öfter: „Stell dich mal nicht so an“ oder „Leg dich doch jetzt einfach mal ins Bett, dann ist es morgen schon besser.“ Die 59-Jährige werde von vielen nicht ernst genommen, wenn sie über ihre Beschwerden berichte. Auf Facebook ist das anders. „Wir unterstützen uns gegenseitig. Das tut gut.“ Irgendwann möchte Görtz mehr daraus machen. Sie plant, ein Sorgentelefon für Long-Covid-Patienten zu etablieren. „Ich glaube, viele würden davon profitieren. Die Stimme eines anderen Menschen zu hören, macht so viel aus. Man kann die Stimmung dann viel besser einschätzen.“ Außerdem habe sie schon so vieles von den anderen Gruppenmitgliedern erfahren, was ihr weitergeholfen habe. Zum Beispiel, dass die meisten einen leichten Verlauf hatten und eine Zeit lang nichts riechen oder schmecken konnten.

So wie Görtz. Bereits im Januar 2020 bemerkte sie auf einer Party, dass alles fad schmeckt. Später kann sie einige Wochen lang weder riechen noch schmecken, hat Halsweh und Husten. Erst ein Corona-Test im April bringt Klarheit. Er ist positiv. Zu diesem Zeitpunkt weiß Görtz kaum etwas über das Virus. Sie weiß nur, dass es sie nicht schlimm getroffen hat und ihre 84-jährige Mutter dafür umso härter. Sie erkranken zur selben Zeit. Eines Nachmittags sitzt ihre Mutter apathisch im Sessel, nichts geht mehr.  Görtz ruft den Notarzt. Als ihre Mutter langsam wieder gesund wird, bemerkt die 59-Jährige, was Corona mit ihr angerichtet hat. Die 84-Jährige kann nicht selbstständig essen, nicht einmal schlucken und auch nicht den Arm heben. Obwohl es Görtz selbst immer schlechter geht, pflegt sie ihre Mutter. Sechs Wochen lang zieht sie bei ihr ein, schläft auf einer Matratze neben ihrem Bett. „Ohne meinen Mann hätte ich diese Zeit nicht gemeistert.“

Als Görtz einige Tage später ihren Job in einer Apotheke in Mönchengladbach verliert, bricht ihr ein großer Halt weg. Fassungslos habe sie mit ihrer Kündigung in der Hand im Aufenthaltsraum gesessen. Alleine. Corona habe so vieles kaputt gemacht, sagt Görtz. „Ich habe vierzig Jahre lang gearbeitet, hatte kaum Fehltage. Es war schwer zu akzeptieren, dass ich nun kein Geld mehr verdiene.“ Seitdem kämpft sie tagtäglich mit sich und ihren Long-Covid-Symptomen: „Ich habe leider nicht das Gefühl, dass es besser wird, sondern eher schlechter.“

Görtz denkt über eine Reha nach, doch sie möchte ihre Mutter nicht alleine lassen. Lange ringt sie mit sich, rechrechiert, bis sie im Juni 2021 doch eine beantragt. Eine Freundin und ihre Cousine erklären sich bereit, ihre Mutter mindestens fünf Wochen zu betreuen. Und Görtz findet eine Klinik, die nicht weit entfernt liegt – im Bergischen Land. „Ich fahre mit Hoffnung dorthin“, sagt die 59-Jährige. „Wunder erwarte ich nicht mehr.“