Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg (4): Löwenzahn-Wurzeln als Kaffee-Ersatz

Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg (4): Löwenzahn-Wurzeln als Kaffee-Ersatz

Die Versorgungslage der Bevölkerung im Ersten Weltkrieg verschlechterte sich schon wenige Monate nach Kriegsbeginn rapide. Mit dem Sammeln von Wildkräutern, Kriegskochbüchern und patriotischen Appellen versuchte man gegenzusteuern.

Der Krieg würde rasch vorbei sein, davon waren die Deutschen im August 1914 fest überzeugt. Auf einen langen Krieg war niemand vorbereitet. Schon einige Monate später werden Versorgungsengpässe spürbar. Brot und Mehl gibt es nur noch auf Lebensmittelkarte. In Mönchengladbach und Rheydt werden Kriegskochkurse durchgeführt. Später wird alles gesammelt, was irgendwie zu verwenden war: Brennnesseln und Löwenzahnwurzeln, Kirsch- und Pflaumenkerne, aber auch ausgekämmtes Frauenhaar und das Fett, das in die Kanalisation floss. Der Hunger kam schnell nach Gladbach und Rheydt. Bereits 1914 gab es in Rheydt fünf öffentliche Kriegsküchen, die täglich 2400 Liter Suppe austeilten. 1915 kam eine sechste Küche dazu, die tägliche Ausgabemenge stieg auf 3500 Liter. Im gleichen Jahr wurden überall Kriegskochkurse angeboten, zum Beispiel in der Volksschulküche Dohler Straße und in der Volksschulküche Kaiserpark.

An die Schülerinnen der Abgangsklassen der Volksschulen wurden kostenlos Kriegskochbücher verteilt, unter anderem das "Kriegskochbuch — Anweisung zur einfachen und billigen Ernährung". Es war erstmalig bereits 1914 erschienen und ein Jahr später bereits eine Million mal verteilt worden. Ein Exemplar davon findet sich in der Bibliothek des ehemaligen Volksvereins für das katholische Deutschland, die Teil der historischen Sammlungen der Stadtbibliothek Mönchengladbach ist. Das Vorwort ist martialisch in Ton und Inhalt: "Feinde ringsum! Unser Heer steht in Waffen gegen die halbe Welt." Der Hungerkrieg, so heißt es weiter, sei eine feige Waffe, die sich gegen Weib und Kind erhebe. Deshalb wird der Vergeudung der Kampf angesagt: Der Fleischgenuss soll auf ein bescheidenes Maß zurückgeführt werden, der Verbrauch von Fett eingeschränkt. Altes Brot sei genauso nahrhaft wie frisches, betont die Autorin. Zucker gab es damals noch ausreichend, den könne man ausgiebig verwenden. Zur Einsparung von Brennmaterial werden praktische Tipps gegeben. Ein Kochbeutel beispielsweise wird aus vielen Lagen Zeitungspapier hergestellt, innen mit Stoff ausgeschlagen und nimmt dann den ebenfalls mit Papier umwickelten Kochtopf auf. Das Essen gart so ohne weitere Energiezufuhr langsam weiter. Auch eine Anleitung zur Herstellung einer Kochkiste gibt es.

Während viele Rezepte relativ normal klingen, finden sich auch Anweisungen, die vermutlich wenig Schmackhaftes ergeben. Zum Beispiel die Gurkensuppe, die aus Mehl, Fett, Essig, Wasser und kleingeschnittenen Salzgurken hergestellt wird. Oder die Suppe, die mit dem Wasser hergestellt wird, in dem vorher Klöße gekocht wurden: Da sollen zwei Esslöffel Mehl in Butter angebräunt werden, dann kommt eine Zwiebel dazu und schließlich das Kloß-Kochwasser. Dieses Rezept stammt aus dem "Deutschen Kriegskochbuch", als dessen Verfasserin mit "irgendeine Deutsche" unterschreibt. Sie setzt unter anderem auf Pilze, eine "riesenhafte, fast unerschlossene Nährquelle" und der "denkbar beste Fleischersatz".

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Dieser Aufruf zum Pilzesammeln weist schon in die Richtung, in die es in den beiden letzten Kriegsjahren laufen wird. 1916 werden die Schüler und die Arbeitslosen in Rheydt zum Sammeln geschickt. Sie bringen zurück: 143 Kilo Weißdornfrüchte, 150 Kilo Eicheln und 325 Kilo Kastanien sowie 1300 Kilo Kirsch-, Pflaumen- und Aprikosenkerne zur Ölgewinnung. Die Schulkinder werden auch aufgerufen, Wildgemüse zu sammeln wie zum Beispiel Löwenzahnwurzeln, die einen viel besseren Kaffee-Ersatz ergeben sollen als die berüchtigte Zichorie.

Doch die Situation bessert sich nicht. Die Kinder werden aufs Land geschickt, wo die Versorgung besser ist. "Meine Mutter wurde zu Verwandten gebracht, die einen Bauernhof hatten", erzählt Gerda Schmitz, deren Familie damals in Eicken eine Bäckerei betrieb. Schließlich kommt es sogar zu Protesten: Am 27. Juni 1917 marschieren Arbeiterfrauen und Kinder durch Rheydt. Die Polizei greift rasch ein und verhaftet die Anführerinnen. Es herrscht wieder Ruhe, aber der Hunger bleibt.

(arie)
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