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Lebenserwartung: Warum sterben Mönchengladbacher früher?

Studie über Lebenserwartung : Mönchengladbacher sterben früher – woran liegt das?

Das Max-Planck-Institut hat eine Studie zur Lebenserwartung auf Kreisebene in Deutschland veröffentlicht. Mönchengladbach landet im unteren Bereich. Denn bei den entscheidenden Indikatoren sieht die Stadt nicht gut aus.

Ein Leben in Bayern lohnt sich. Zumindest angesichts der Lebenserwartung. Denn in Starnberg in Oberbayern hat man im Schnitt drei Jahre mehr vom Leben als in Mönchengladbach. Das ist das Ergebnis einer Studie des Max-Planck-Instituts. Die Forschungs-Gesellschaft untersuchte die Lebenserwartung von Männern und Frauen in 402 deutschen Landkreisen. Mönchengladbach landete in beiden Kategorien im hinteren Bereich. In Zahlen: Frauen werden im Schnitt 82,78 Jahre alt (Platz 368), Männer 77,57 (354). Ganz oben steht die Kreisstadt Starnberg, Frauen leben hier statistisch 85,69 Jahre, Männer 80,66.

Im Gesundheitsreport 2020 der AOK ist die Lebensspanne der Mönchengladbacher noch kürzer: 81,9 Jahren bei den Frauen, 76,8 bei den Männern. Nur drei Städte im Bundesland schneiden nach der Erhebung des Landeszentrums für Gesundheit NRW noch schlecher ab. Aber woran liegt das? Wieso ist das Leben in Mönchengladbach kürzer?

Karl Boland ist über das Mönchengladbacher Ergebnis in den Studien nicht überrascht. „Die Gesundheit ist ein Spiegelbild der Arbeits- und Lebensverhältnisse. Gladbach ist hier auf einem Level mit dem Ruhrgebiet – das möchte nur nie jemand hören“, sagt das Vorstandsmitglied des Arbeitslosenzentrums der Stadt.

Für die Untersuchung hatten die Forscher des Max-Planck-Instituts offizielle Geburts- und Sterbezahlen aus den Jahren 2015 bis 2017 ausgewertet. Laut Ergebnis beeinflussen dabei nicht in erster Linie das Einkommen, die Bevölkerungsdichte und die Zahl der Ärzte pro 100.000 Einwohner die Lebenserwartung. Dafür umso mehr nachteilige Lebensumstände wie Kinderarmut und Arbeitslosigkeit. Letztere ist in Mönchengladbach traditionell hoch – auch wenn es zum Ende 2019 mit 8,4 Prozent vorübergehend einen historischen Tiefstand gab. Corona machte diesen Aufschwung jedoch zunichte. Derzeit sind es 10,8 Prozent, die deutschlandweite Quote liegt bei 6,3.

Für Heike Engel, die Leiterin des Kompetenzzentrums Ressourcenorientierte Altersforschung an der Hochschule Niederrhein, sind zusätzlich Bildung und die Kenntnis über den Zugang zum Gesundheitssystem Schlüsselindikatoren für eine hohe Lebenserwartung. „Besser gebildete Menschen haben in der Regel Berufe, die nicht so hohe körperliche Anforderungen stellen“, sagt Engel. Sie sieht in guter Bildung den Vorteil eines „besseren Zugangs zu Informationen über Gesundheit sowie ein besseres Verständnis für eine gesunde Lebensführung.“ Aussagen über ein grundsätzliches Bildungsniveau einer Stadt sind hingegen schwierig. Als Indikator werden häufig Schulabschlüsse herangezogen: Laut dem Bildungs- und Jugendhilfebericht der Stadt verfügten im Jahr 2016 36,1 Prozent der Menschen in Mönchengladbach ab 15 Jahren über einen Haupt- beziehungsweise Volksschulabschluss – immerhin 7,1 Prozent weniger als 2006. Der NRW-Durchschnitt lag bei 34,4 Prozent. 32,6 Prozent besaßen damals eine Fachhochschul- oder Hochschulreife.

Generell gilt: Wer in Mönchengladbach lebt, der sollte sich besser keine gesellschaftlichen Studien anschauen. Nach einer Erhebung der Bertelsmann Stiftung aus diesem Jahr wachsen 30 Prozent der Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Mönchengladbach in armen Verhältnissen auf. Im NRW-Vergleich schneiden nur Essen, Gelsenkirchen, Duisburg und Herne schlechter ab. Verschuldung? Nach dem Jahresbericht 2019 der AG Schuldnerberatung der Freien Wohlfahrtsverbände der Stadt sind 16,64 Prozent der Mönchengladbacher verschuldet. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 10 Prozent. Alles Faktoren, die die Lebenserwartung drücken. „Viele können sich eine gesundheitliche Prävention nicht leisten, dazu zählen auch Themen wie Stressbewältigung oder Ernährung“, sagt Boland. Er verweist auch auf die Tradition der Stadt als Niedriglohnregion aus der Textilzeit, diese werde nun durch die großen Logistikzentren fortgesetzt. „Da kommt Mönchengladbach nicht raus“, sagt er. Dazu passt die Einkommensstatistik von it.NRW, in der Mönchengladbach nur auf Platz 267 von 334 Städten im Bundesland rangiert – 35.108 Euro erhält jeder Steuerpflichtige laut dieser Erhebung. Das wiederum fördert nicht die Attraktivität der Region für bildungsstarke Fachkräfte. Ein Teufelskreis am Niederrhein. Auch für die statistische Lebenserwartung.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Trotz allem kann man in Mönchengladbach sehr wohl alt werden. Aktuell sind 31 Menschen in der Stadt gemeldet, die 100 Jahre oder älter sind.