Mönchengladbach: Kulturpolitiker im Wiederaufbau

Mönchengladbach: Kulturpolitiker im Wiederaufbau

Dr. Carl Marcus war erst 34 Jahre alt, als er von den Briten zum Oberbürgermeister von Rheydt gemacht wurde. Seine Aufgaben waren groß: Rheydt lag in Trümmern. 32 Prozent aller Wohnungen waren zerstört, 91 Prozent aller Gebäude getroffen oder dem Erdboden gleich gemacht worden.

Er muss wie ein Fremdling unter all den greisen Vorkriegs-Politikern in den Städten ringsum gewirkt haben. Dr. Carl Marcus hieß der erst 34 Jahre alte Mann, den die Briten 1945 als Oberbürgermeister von Rheydt aus dem Hut zauberten. Carl Marcus war der zweite Oberbürgermeister von Rheydt, der sich für die kulturelle Entwicklung der Stadt als ein Glücksfall abzeichnen sollte.

Doch daran dachten die britischen Besatzungskräfte wohl kaum, als sie Marcus nach dem Rücktritt seines Vorgängers August Brochers am 21. Dezember 1945 einsetzen. Zentrales Einstellungskriterium waren einerseits Marcus' Studium in England, er beherrschte die Sprache fließend. Und andererseits sein Aufenthalt in Paris, von wo aus die Briten ihn nach Rheydt beorderten. Er hatte zunächst ganz andere Probleme: Die Versorgung der Bevölkerung und der knappe Wohnraum. 1945 wurde zum Beispiel die Soll-Kalorienzahl zwischen 1000 und 1573 am Tag nur in zwei Zuteilungsperioden erreicht. Außerdem war Rheydt bei Kriegsende ein Trümmerfeld: 32 Prozent aller Wohnungen waren zerstört, 91 Prozent aller Gebäude getroffen oder zerstört worden. Also war es Marcus' wichtigste Aufgabe, im Nachkriegswinter die Bevölkerung erstmal zu versorgen.

Zehn Monate nach Marcus' Einsetzung gab es in Rheydt die ersten freien Wahlen. Seine Partei, die CDU erhielt 44,5 Prozent. Ohne Probleme wurde Marcus also vom Stadtrat im Amt bestätigt. Er war somit auch das erste gewählte Stadtoberhaupt von Rheydt.

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Marcus beantwortete die Probleme aber auch mit großer kultureller Initiative. Dass die erste Theaterspielzeit in Rheydt bereits fünf Tage nach seinem Amtsantritt begann, war noch Zufall. Doch dass die Bevölkerung in der Not die Möglichkeit zur Abwechslung nutzte und es allein von Shakespeares Sommernachtstraum in nur einer Spielzeit 56 Aufführungen gab, war entsprang seinem Engagement. "Motor dieses kulturellen Aufruchs war Dr. Carl Marcus", schrieb die Rheinische Post am 11. November 1981, dem 70. Geburtstag des früheren OB. Allein in der Spielzeit 1947/48 besuchten 143 125 Menschen die insgesamt 255 Aufführungen des Rheydter Stadttheaters. Dabei lebten Ende 1946 gerade einmal rund 70 Bürger in Rheydt. Große Werke und Opern wurden in Rheydt aufgeführt.

Außerdem war die Ausstellung "Römisches Rheinland" im Schloss Rheydt 1947 eine der ersten großen Ausstellungen überhaupt im Rheinland nach Kriegsende. Die Rheydter Zeitung schrieb in diesen Tagen über Marcus: "Er machte Schloss Rheydt, das in diesen Jahren seinen Ruf als Ausstellungs- und Tagungsstätte begründen konnte, zur neutralen Plattform von Gesprächen und menschlichen Begegnungen deutscher und ausländischer Persönlichkeiten, um Fäden anzuknüpfen, die mithelfen könnten, das zerstörte Gewebe internationaler Verständigung wiederherzustellen."

Außerdem gründete Marcus das Katholische Institut Rheydt, an dem Studenten, die von den Hochschulen abgelehnt worden waren, ihr Studium beginnen konnten. 50 Wissenschaftler lehrten an dem Institut, das nur zwei Semester bestand aber vielen späteren Akademikern ein Studium erst ermöglichte. Keine Frage: Marcus war zwar ein OB, der für den Wiederaufbau zuständig war. Doch in erster Linie war er Kulturpolitiker. Nichts beschreibt dies besser als seine Begründung, warum er im Alter von 37 Jahren am 27. April 1948 zurücktrat: Um sich zugunsten der seiner Befähigung und Neigung am nächsten liegenden kulturpolitischen Aufgabe zu widmen.

(RP)
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