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Theater Mönchengladbach: Kritik zur Premiere der Dreigroschenoper

Aufführung am Theater Mönchengladbach : Die Schubladen-Oper

Helen Malkowsky inszeniert Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ auf der Pathologie-Bühne von Hermann Feuchter als Nummernrevue mit Charme und Biss.

Spätestens als J. J. Peachums Bettlerarmee ins Parkett krabbelt, es zur Ballade „Wovon lebt der Mensch?“ den Damen und Herren auf den besseren Plätzen ans Eingemachte geht, ist jedem im Saal klar, dass man aus dieser „Dreigroschenoper“ mit schlichtem Amüsement nicht herauskommt. Das hatten sich Bertold Brecht und Kurt Weill anno 1928 in ihrer als Revue getarnten in die Berliner Theaterszene gerotzten Kultur- und Kapitalismuskritik auch so gedacht. Helen Malkowsky, die bislang ausschließlich fürs Musiktheater arbeitende Regisseurin, hat sich das Stück mit scharfem und sezierendem Blick fürs Schauspielensemble des Theaters Mönchengladbach und Krefeld genauer angesehen. Und eine so unterhaltsame wie bissige Fassung zuwege gebracht.

Die Haifischzähne, Mackie Messers rasierklingenscharfes Arbeitsmittel, Weills bissige Moritatenmusik – das alles haben die Regisseurin und ihr Team veranlasst, selbst das Sezierbesteck zur Hand zu nehmen und der „Dreigroschenoper“ als Ikone des politischen Musiktheaters auf den Leib zu rücken. Dass dabei die Idee eines „anatomischen Theaters“ herauskam, ist, wenn sie auch nicht restlos überzeugt, zumindest kreativ. So zeigt sich das Gladbacher Premierenpublikum zur Ouvertüre höchst amüsiert, als sich hinterm Vorhang der Blick aufs Halbrund einer Pathologie öffnet, wie sie vor Jahrzehnten Studenten in medizinischen Hörsälen vor Augen gehabt haben mögen. Großer mittiger Seziertisch, an den Wänden 30 Schubfächer in drei Etagen: Mackie Messers Reich. Haifischsong im Arztkittel. Später Wohnung der Peachums, Liebeslaube, Kirche, Puff, Gefängnis.

Die Bühne von Hermann Feuchter entpuppt sich als regelrechte Wunderkammer. Wo zunächst lauter Leichen quicklebendig aus den Laden krabbeln, entspinnt sich später ein fröhliches Rein-Raus, in dem Bettlerkönig Peachum und Polizeichef Brown die weiteren tragenden „drei Säulen der Unmenschlichkeit“ verkörpern. Michael Ophelders ist dabei als Macheath ein Schurke wie du und ich, die Gamaschen weitgehend unsichtbar. Adrian Linke gibt, glatzköpfig, den Bettlerfürsten, sehr präsent, sehr fies. Und Bruno Winzen reüssiert als die Staatsmacht, wie sie ihr Fähnchen nach den Dollars hängt. Um die drei herum jedoch finden sich massenweise starke Frauen. Die Polly der Carolin Schupa ist so sexy wie gerissen, ihr Liebesduett (Liebe dauert oder dauert nicht) mit Mackie im Licht des Mondes über Soho – herzallerliebst. Chris Nonnast zieht als Mrs. Peachum gerissen die Fäden zu Mackies Verhaftung, Jannike Schubert ist eine auch grandios singende Seeräuber-Jenny. Beeindruckend Paula Emmrich als Lucy im Eifersuchts-Duett.

Mackies Achterbahn-Karriere führt ihn vom Oberverbrecher zum Fall für den Henker und schließlich in den Adelsstand auch im Bordell vorbei, wo Malkowsky eine wunderbare Orgie in Gang setzt, in deren Verlauf so verrückt und schräg getanzt wird, dass es eine Lust ist. Kanonensong, die Ballade von der sexuellen Hörigkeit. Ohrwürmer. Dies ist der Höhepunkt eines Abends voller Überraschungen, hier auch im lustvoll transvestiten Kostüm von Alexandra Tivig. Zu den Delikatessen gehört unausgesetzt auch die Musik, die Willi Haselbeck und sein Acht-Mann-Orchester aus dem hochgefahrenen Graben von der Seite beisteuert. Das Weill’sche Idiom beherrschen sie so selbstverständlich wie gelegentliche Abwege in den Jazz.

„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“, heißt es süffisant bei Brecht, aber Weills „Doch der Haifisch, der hat Zähne“ dudelt noch am nächsten Morgen im Kopf herum. Applaus, Applaus.

Info: Zweieinhalb Stunden, eine Pause. Vorstellungen: 28. Februar, 25., 28. März, 4., 16. April, 3., 5. Mai, 7., 19. Juni. Karten: 02166 6151100, www.theater-kr-mg.de