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Theater Mönchengladbach: Interview mit Michael Preiser zu „Boris Godunow“

Historiendrama „Boris Godunow“ : „Das Spannende sind die Perspektivwechsel“

Der Chordirektor des Theaters Mönchengladbach, Michael Preiser, spricht über seine Arbeit an dem musikalischen Historiendrama „Boris Godunow“ von Modest Mussorgskij. Am 23. März ist Premiere im Theater.

Nach annähernd 25 Jahren gelangt Mussorgskijs Oper über die kurze Regentschaft des russischen Zaren Boris Godunow wieder auf den Spielplan des Theaters Krefeld und Mönchengladbach. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson leitet die Premiere, eine Frankfurter Regisseurin mit russischen Wurzeln, Agnessa Nefjodov, inszeniert das vieraktige Musikdrama. Einige Vorstellungen wird der derzeitige Opernchordirektor und Kapellmeister Michael Preiser leiten, seine Hauptarbeit in der Produktion besteht aber darin, die teils hochdramatischen Chorszenen mit dem stark besetzten Theaterchor und Extrachor zu erarbeiten.

Von „Boris Godunow“ existieren etliche Fassungen. Früher gern herangezogen wurde die von Rimski-Korsakow neu instrumentierte Spielfassung. Welche gelangt in Mönchengladbach zur Aufführung?

Michael Preiser Wir haben die Urfassung von 1869 gewählt, das ist die erste Fassung der Oper, die Mussorgskij seinerzeit den Theatern angeboten hatte. Diese Version zeichnet ihre urtümliche Instrumentation aus, sie ist vielleicht weniger elegant als die heute nicht mehr so gängigen Bearbeitungen von Rimski oder Schostakowitsch, aber sie passt eigentlich viel besser zur Kernaussage der Oper, die auf dem gleichnamigen Volksdrama Puschkins basiert.

„Boris Godunow“ weist rund 20 Solorollen aus, das ist schon die erste Herausforderung für ein mittelgroßes Ensemble wie hier.

Preiser Das geht bei einem Werk dieser Größenordnung nicht ganz ohne Gäste, einige kleinere Rollen sind aber auch mit Mitgliedern des Opernchores besetzt, dazu kommen Doppelbesetzungen aus dem Opernstudio Niederrhein.

Im Zentrum des Werks stehen die Chorszenen, sie gelten als die eindrucksvollsten der Operngeschichte. Was zeichnet den Einsatz der Chöre aus?

Preiser Das Spannende an dem Stück ist, dass es darin intensive Perspektivwechsel gibt, bei denen die Volksmasse oft die prägende Rolle spielt. Schon die ersten beiden szenischen Tableaus schildern die Situation und Sichtweise des Volkes. Der Chor bestimmt diese Szenen in der Art, dass er das unterdrückte Volk darstellt, das gezwungen wird, Gott um die Thronfolge des Bojaren, also des Landadeligen Boris, anzuflehen oder später dem gekrönten Zaren jubelnd zu huldigen. Noch später erfolgt dann ein Schwenk um 180 Grad von der leidenden Volksmasse zu den Individuen, die Boris umgeben. Es ist eine große Choroper, das Volk steht im Mittelpunkt. Vergleichen Sie das mit Verdis „Maskenball“: Da werden Intrigen der Mächtigen am Hof geschildert, aber das Volk bleibt entrückt, unwesentlich für die Handlung.

Welche Herausforderungen muss der Chor in dem Stück meistern?

Preiser Die erste Hürde ist natürlich, dass diese Oper in der Originalsprache Russisch gesungen wird. Um sich gut in das Idiom, die spezielle Klangwelt dieser Sprache einfühlen zu können, haben wir auf die Hilfe von zwei Theaterkollegen zurückgreifen können, auf Alexander Kalina als Coach für die Solisten und Bondo Gogia für die Chöre. Dazu kommt, dass die Chöre in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt agieren und neben dem amorphen Volk etwa eine Gruppe von Pilgern, Mönchen mit altkirchenslawischen Gesängen oder die Versammlung der Bojaren darstellen. Dabei wechseln die musikalischen Stile und klangsprachlichen Charaktere in hohem Maß.

Modest Mussorgskij, der in Deutschland vor allem mit „Bilder einer Ausstellung“ bekannt wurde, gehörte in Russland zur Gruppe „Mächtiges Häuflein“. Worum handelte es sich dabei?

Preiser Diese Gruppe von fünf Komponisten, zu denen auch Rimski-Korsakow und Borodin gehörten, bemühte sich, einen prägnanten Nationalstil in der Musik zu entwickeln. Ihre Mitglieder beriefen sich auf die musikalischen Traditionen des Landes, nachdem noch 100 Jahre zuvor Russland stark der westlichen Musik verbunden gewesen war. Mussorgskij war vielleicht der Radikalste von ihnen. Es ist eine sehr wahrhaftige, ehrliche Musik. Und mich fasziniert, dass diese Oper inhaltlich auf das 20. Jahrhundert vorausweist: Gezeigt wird ein Volk, das unterdrückt wird, gleichzeitig die Machthaber aber auch vollkommen durchschaut, das alles schon genau weiß. Das Volk ist keineswegs ahnungslos.

Worauf müssen Sie bei den Proben besonders achtgeben?

Preiser Wesentlich ist zum Beispiel die wechselnde Aufteilung der 70 Chorsängerinnen und -sänger auf der Bühne. In ständiger, enger Absprache mit der Regisseurin Agnessa Nefjodov muss ausprobiert werden, wie sich die Sänger innerhalb der szenischen Abläufe in ihren jeweiligen Stimmgruppen gut koordinieren können und wie stimmliche Balancen herzustellen sind. Und ganz viel Arbeit gilt dem Text, dem sprachlichen Ausdruck. Immer wieder muss gefragt werden: Was steckt hinter bestimmten Schlüsselbegriffen, wie lassen sie sich verdeutlichen? Das ist für alle eine höchst inspirierende Arbeit!