Theater Mönchengladbach: "Himmel über Paris" verzaubert das Publikum

Oper in Mönchengladbach : „Himmel über Paris“ verzaubert

Lothar Kittsteins Chansonabend in der Inszenierung von Matthias Gehrt wird bei der Gladbacher Premiere frenetisch gefeiert. Es ist vor allem die Musik, die das Publikum begeistert.

Dieses „Non, je ne regrette rien“, es dudelt wahrscheinlich jedem auf dem Nachhauseweg nach, der am Freitagabend aus dem Theater kommt. Ja, die unsterbliche Piaf. Die kleine große Chanteuse überwältigt mit ihren Hits nun auch die große Bühne an der Odenkirchener Straße, und das Publikum zollt frenetisch Beifall. „Himmel über Paris“, der Chansonabend von Lothar Kittstein, den er eigens fürs Ensemble des Gemeinschaftstheaters geschrieben hat, versammelt sie alle: „La Vie en Rose“, „Padam, Padam“, „Milord“, mischt eine gehörige Portion Brel hinzu, das wunderbare „Amsterdam“ zum Beispiel oder „Madeleine“; eine Prise Aznavour, ein bisschen Bécaud. Und (fast) jeder fühlt sich verzaubert.

Es ist vor allem die Musik, die den Abend trägt. Und ganz großen Anteil an deren Gelingen haben zwei Männer, die gar nicht so sehr im Rampenlicht stehen wie die Mitglieder des Schauspielensembles, die mehr oder weniger notgedrungen ihre Passion zu singen präsentieren. Es sind Jochen Kilian am Klavier und sein Partner Heinz Hox am französischsten aller Instrumente, dem Akkordeon. Mit welcher Lust, mit welchem Können, mit welcher Kreativität die beiden die Hits arrangieren, wie sensibel ihre Kunst die Fähigkeiten der Schauspieler herauskitzelt und die Schwächen kaschiert, das ist so etwas wie große Oper. Da schummeln sich immer wieder wunderbar unangepasste Töne in den musikalischen Satz, wummert es hier mal verführerisch, da keck, dort lasziv, dass einem das Herz aufgeht.

Auf der Bühne hat am ehesten noch Esther Keil das Zeug zum Chanson, wenn sie auch mit expressiven Händen nachhelfen muss, wenn der Gesang zum Ausdruck nicht reicht. Ihr Gegenüber, Adrian Linke, hilft sich mit Schlafzimmerblick aus der Bredouille, die Stimme ist sein Instrument nicht. Dass die beiden Protagonisten der „Handlung“ um und über Paris, über die Klischees und die Probleme dieses europäischen Schmelztiegels der Kulturen, in die Kittstein neben Plattitüden auch ein paar nachdenkenswerte Dialoge eingebaut hat, am Ende zusammenfinden, ist der Stadt der Liebe geschuldet. Und vielleicht auch dem Himmel, der nicht nur rot bis violett sein kann, sondern auch muslimisch, von Plattenbauten verstellt oder von rechten Ideologien.

Für das alles hat Kittstein Figuren erfunden, die nicht so fremd und verloren sind in der Vorstadt wie der Windelerfinder aus Herne und seine Frau, die Französischlehrerin. Joachim Henschke spielt den alten Mann mit reichlich rassistischen Zwischentönen; Vera Maria Schmidt eine skrupellose Hure mit Sehnsüchten, Carolin Schupa ganz mitreißend eine emanzipierte Muslima mit Macho-Gehabe. Und so fort.

Der Regie, die Matthias Gehrt verantwortet, fallen ein paar Raufszenen ein, das Bühnenbild besteht aus einer großen Leinwand, auf der Eiffelturm und Banlieues zu sehen sind, dazu Stuhl, Straßenlaterne, Kühlschrank, Mikrofonständer. Gesungen wird an der Rampe. Es geht auch rührselig zu in dem Stück, das vom Verlorensein handelt und von Sehnsüchten. Gewalt, Verzweiflung, Not und Dummheit spielen hinein in die Szenen, die dann doch auf ein nettes Happy-End herauslaufen. Von „Welthaltigkeit“, wie der Autor es beabsichtigt, ist wenig zu spüren. Dafür gibt das Ensemble nach dem Schlussapplaus ein Statement für die Wahl eines freien, diversen Europas ab. Damit wir hinterher nichts zu bereuen haben.

Mehr von RP ONLINE