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Streaming-Partys in Mönchengladbach im Projekt 42 und in der Kulturküche

Kultur in Mönchengladbach : Konzert mit unsichtbaren Gästen

Social-Distancing ist angesagt. Wie man trotzdem Partys und Konzerte organisiert, zeigen das Projekt 42 und die Kulturküche. Sie erklären, wie so ein Streaming-Event funktioniert.

Während der Aufnahmen der Online-Produktion steht Andreas Ochotta, Betreiber des Projekt 42, nicht am Eingang, sondern vor mehreren Bildschirmen in dem leeren Club. Dort moderiert er, während DJs und Bands live gestreamt werden, den Chat. Benutzer können aktiv Musikwünsche schreiben oder auch Videos zusenden, die dann interaktiv in den Ghost-Stream eingebaut werden. „Den Chat zu leiten, das ist wie an der Tür zu stehen“, sagt Ochotta. „Das außergewöhnlichste Video, was uns ein Zuschauer zugesendet hat, war eine Headbanging-Performance im Bademantel.“ Die meisten Zuschauer seien Stammgäste, die das Projekt schon seit 20 Jahren regelmäßig besuchten „und im Herzen“ hätten. „Auch die Bereitschaft der Künstler, die uns in schwierigen Zeiten unterstützen wollen, ist groß“, sagt Ochotta.

Noch ist unklar, wie lange die Kneipen und Clubs in der Gladbacher Altstadt geschlossen bleiben müssen, deswegen läuft die Programmplanung im Projekt 42 aktuell zweigleisig: online und analog für den Fall einer Wiedereröffnung. Das Streaming-Team im Projekt besteht aus drei bis fünf Leuten: Künstler, Tontechniker, Chat-Moderator, Produktion und Regie. Manchmal übernimmt auch einer mehrere Aufgaben. Zusätzliches Equipment hat das Team von Mitarbeitern geliehen oder durch Nachbarschaftshilfe bekommen. Kamera-Stative wurden aus Bierkästen, Schraubzwingen und Kabelbindern improvisiert zusammengebaut.

 Grüßt vor dem Auftritt „alle Aliens im Web“: Max Konstanty.
Grüßt vor dem Auftritt „alle Aliens im Web“: Max Konstanty. Foto: bauch, jana (jaba)
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Auf der Bühne stehen an diesem Drehtag Maximilian Konstanty und Johannes Bruckes. Ihre Setlist haben die beiden Künstler  handschriftlich auf einen Briefumschlag aus dem Papiermüll geschrieben. Auch für die Musiker ist die Situation ungewohnt und neu. „Im Internet weiß man auch nicht, wer alles zuschaut. Bei einem gewöhnlichen Auftritt sieht und kennt man seine Leute. Das Projekt ist sozusagen ein Safe-Space“, sagt Konstanty.

Zu Beginn grüßt er also nicht nur die Mönchengladbacher, sondern alle Zuschauer in Deutschland, Österreich, der Schweiz und auch alle weiteren Aliens im Web. Als das Konzert beginnt, ist es still. Zwischen den einzelnen Songs auch. Applaus gibt es in dem fast menschenleeren Raum nicht. Nach dem Auftritt freuen sich die beiden, eine neue musikalische Erfahrung erlebt zu haben und bedanken sich beim unsichtbaren Publikum. „Es ist schon komisch, wenn keiner im Raum ist, der klatscht. Man wartet, bedankt sich und nichts passiert,“ sagt Bruckes.

Im Gegensatz zum Produktionsteam vom Projekt 42 bereitet das Team der Kulturküche das Videomaterial im Homeoffice vor. Während der Ausstrahlung moderiert Hannah von Dahlen den Chat der „Stay at Home Sessions“, die jeden Mittwochabend laufen, live über Facebook. In einem Zeitraum von zwei bis drei Wochen kann sich das Team der Kulturküche über bis zu 1300 Zuschauer der Online-Produktionen freuen.

 „Komisch, wenn keiner im Raum ist“, sagt Musiker Johannes Bruckes.
„Komisch, wenn keiner im Raum ist“, sagt Musiker Johannes Bruckes. Foto: bauch, jana (jaba)

Die Idee für die „Stay at Home Sessions“ haben von Dahlen und ihre Kollegin Lara Valsamidis vor etwa sechs Wochen entwickelt. Das Team der Kulturküche hat daraufhin Künstler kontaktiert, die ihnen bekannt waren. Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl war, dass es sich entweder um Solokünstler handelt oder um Künstler, die in Wohngemeinschaften leben. Innerhalb von 24 Stunden sagten alle angefragten Musiker zu. „Ein Online-Konzert ist eine sichere Möglichkeit, Inhalt anzubieten, ohne mit anderen Menschen in Berührung zu kommen“, sagt von Dahlen.

Die größte Herausforderung für die Künstler, die ihre Auftritte meist im eigenen Wohnzimmer aufnehmen, war es, die Datenmengen zu versenden. „Dafür haben wir eine Lösung gefunden“, sagt von Dahlen. Im Nachhinein hat das Kulturküchenteam noch Anfragen von weiteren Musikern erhalten. „Die Produktion einer Online-Session ist sehr zeitaufwendig und momentan nur möglich, weil das Café, der eigentliche Ort der Begegnung, geschlossen ist.“

 Ghost Stream im Projekt 42: die  DJs Shmitzkatze.
Ghost Stream im Projekt 42: die DJs Shmitzkatze. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Zuerst bekommen die Musiker ein Online-Briefing und Regieanweisungen. Das zugesendete Videomaterial von den Wohnzimmerkonzerten wird redaktionell aufbereitet, Grafiken, Bauchbinden oder auch Gimmicks werden eingebaut. Eine Promotion läuft parallel. „Schließlich wird der Broadcast mittwochabends aus dem Homeoffice geschaltet“, erklärt von Dahlen. „Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation.“ Ebenfalls aus der Not-Situation entstanden sind Live-Interviews. Das Format kommt gut bei den Zuschauern an und soll nach der Krise im Konzept der Kulturküche erhalten bleiben. „Die Leute können ihre Fragen an die Musiker online stellen und aktiv am Interview teilnehmen“, sagt sie. Bevor die Kulturküche in die Sommerpause geht, sollen vier bis fünf weitere Online-Konzerte stattfinden. Die Umstellung auf Online-Konzerte ist auch für das Förderprogramm des Kulturbüros kein Problem. So erhalten die Musiker weiterhin eine Gage und zusätzliche Online-Spenden.