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Schauspielchef Matthias Gehrt am Theater Krefeld erarbeitet "Antigone" in Athen

Theater Krefeld : Schauspielchef macht „Antigone“ in Athen

Matthias Gehrt hat in Griechenland mit griechischen Schauspielern die Tragödie erarbeitet. Beim internationalen Theatertreffen ging es um die Frage: Wie wichtig ist die Übersetzung für die Wirkung eines Stücks?

Antigone in fünf Tagen – das ist eine unlösbare Aufgabe. Selbst für die Profis, die sich in diesem Herbst in Athen eingefunden haben: Theatermacher aus aller Welt, die beim Analogio Festival in der griechischen Hauptstadt unter dem Titel „In memory we trust“ (Wir vertrauen auf die Erinnerung) zusammengekommen sind. Deshalb ging es auch nicht um komplette Aufführungen, aber um die Kernfrage: Wie sagt man heute, was eine antike Tragödie zu sagen hat? Oder kurz: Wie entscheidend ist die Wahl der Übersetzung für die Wirkung des Stücks? Mit dieser Frage beschäftigt sich Schauspieldirektor Matthias Gehrt sein gesamtes Berufsleben lang intensiv. Zum „Analogio“ nach Athen war er auf Initiative des Internationalen Theaterinstituts Israel eingeladen worden. Er leitete dort einen Workshop zur Tragödie „Antigone“ von Sophokles. Als erstes lernte er: Die Griechen betonen anders: Antigone mit langem „o“.

„Die Entscheidung für eine bestimmte Übersetzung hat für die Inszenierung immense Konsequenzen. Ältere Übersetzungen können größere poetische Räume aufmachen oder bewusst Distanz erzeugen wie die Übersetzung von Friedrich Hölderlin. Neue Übersetzungen können einen direkteren Zugang ermöglichen, ans Heute unmittelbarer andocken“, sagt Gehrt. Der „Sound“ einer Aufführung kann das Publikum packen oder unberührt lassen.

Gehrt hatte die antike Tragödie um Antigone, die gegen das königliche Verbot Kreons verstößt, wonach ihr toter Bruder Polyneikes nicht bestattet werden dürfe, weil er das Vaterland verraten habe. Sie handelt nach dem Gesetz der Götter und begräbt den Bruder. Deshalb verurteilt Kreon sie zum Tode – trotz seiner Skrupel, weil sie eine Verwandte ist.

Gehrt hat sich auf eine Schlüsselszene konzentriert: die erste Begegnung von Kreon und Antigone. Drei Regisseure mit unterschiedlichen Wurzeln haben drei verschiedene Übersetzungen gewählt, um die Szene mit griechischen Schauspielern umzusetzen. Der griechische Kollege hat das altgriechische Original mit Neugriechisch kombiniert, der amerikanische Dozent mit israelischen Wurzeln ging mit dem Text ins 21. Jahrhundert und in die hebräische Sprache, und Gehrts „Antigone“ verband Übersetzungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Auf die berühmteste Fassung von Hölderlin hat er bewusst verzichtet: „Man muss sich ein Stück sprachlich einverleiben, um an seinen Kern zu kommen.“

Das passierte auf ausgefallenste Weise. Der amerikanische Regisseur brachte eine Art zeitgenössische Soap Opera ins Spiel: „Die Griechen haben ein sehr inniges Verhältnis zu Amerika“, sagt Gehrt. Viele haben dort zeitweise gelebt. Der Reiz dieses Ansatzes: „Was uns erst am befremdlichsten erscheint, kommt der Sache sehr nah. Denn das, was Sophokles in seinem Stück verhandelt, ist uns fremd. Die Gesetze von damals gibt es heute nicht mehr.“ Da sei die Lust, es in eine andere Spielform zu bringen ein gangbarer Weg.

Die Frage nach der einzig wahren Übersetzung, findet Gehrt, stelle sich nicht. Aber die Wahl ist der Wegweiser zur Interpretation. „Es stimmt ja, dass wir gar nicht wissen, was damals los war. Götter, Fluch und Rache – das gibt es bei uns heute nicht. Wir müssen uns für die Deutung entscheiden“, sagt er. Die griechische Version sei sehr nah am Originaltext geblieben. Dabei hat den Theatermann aus Deutschland überrascht, dass die Figuren nicht psychologisch ausgemalt wurden. „Kreon war ganz simpel der Tyrann, der sich nicht vorstellen kann, dass seine Nichte sich gegen seinen Willen stellt. Die tragische Verstrickung steht im Mittelpunkt.“ Gehrt hat seine Kollegen mit einer anderen Antigone konfrontiert: ein junges Mädchen, das nicht die strahlende Heldin ist, sondern aus Trotz handelt. „Ich war der Einzige, der Kreon verteidigt und ein bisschen Ibsen hereingebracht hat. Das geht nicht mit jeder Übersetzung. Der Text ist Quelle für jede Überlegung.“