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Premiere von Wilhelm Tell im Theater Krefeld und Mönchengladbach

Premiere von „Wilhelm Tell“ : Auf dünnem Eis

Matthias Gehrt inszeniert Schillers „Wilhelm Tell“ auf Fridays-for-future-Art vor Berglandschaft in Öl. Spannende Momente gab’s reichlich.

In unserer Stadt wird endlich wieder Theater gespielt. Und man muss sagen: Obwohl sich das beim Publikum noch nicht so ganz rumgesprochen hat oder etliche Theaterfans noch lieber vorsichtig sind, was beim Schachbrettmuster im Saal große Lücken zur Folge hat, macht es großen Spaß, so ein leibhaftiges Schauspielensemble auf richtiger Bühne zu erleben. Da nimmt der Zuschauer in der „Tell“-Premiere sogar in Kauf, dass Schillers Klassiker auf pausenlose 90 Minuten gekürzt ist und hier und da altehrwürdige Corona-Regeln mitspielen.

Matthias Gehrt, der scheidende Schauspieldirektor, hat das Drama um den unfreiwilligen Freiheits- und Nationalhelden mit einem gehörigen Schuss Ironie mutwillig in Richtung Klimaschutzdebatte gebürstet. Wir sehen indigene Schweizer in Bergschuhen und Lederhosen unter der Schweizerkreuzfahne, die aus verdorrtem Acker mit aufgesprungenen Schollen emporragt. Eine Idylle aus Alpengipfeln und Seen bildet den Prospekt – als Ölgemälde mit Goldrahmen. Der Gessler-Clan läuft in blauen Business-Anzügen, mit Migrationshintergrund und MPs herum, die meisten Schweizer sehen dagegen ziemlich verloddert aus, Tell trägt Armbrust. Fast alle Bart. Zwischendurch werden den Rütli-Bündnern Zitate von Greta Thunberg untergeschoben, am Ende rezitiert Tell Hölderlin.

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Nun mag der Naturbegriff bei Schiller auch einer zeitgenössischen Betrachtung standhalten, erstaunlich weitsichtig beschreibt der rebellische Repräsentant der deutschen Klassik etwa den Zusammenhang zwischen Rodung der Bergwälder und der Lawinengefahr. Gleichwohl tappt Gehrt in die Falle, die Repräsentanten der Ausbeutung, den Adel und seine Handlanger, mit Umweltsündern gleichzusetzen, von denen sich die freiheitsliebenden Eingeborenen nur zu befreien bräuchten, damit alles wieder heile werde. Da ist Schiller politischer und die heutige Wirklichkeit komplexer. Aber er wirft ein Licht auf den alten Stoff, in dessen Schatten vielleicht junge, engagierte Leute auch mal ins Theater gehen wollen.

Außerdem sind Gehrt die starken Frauen angelegen, von denen es im Konzert der Männerbündler einige gibt. Hausfrauen mit revolutionärem Potential wie die Stauffacherin (Esther Keil), auch Tells Gattin (Nele Jung) nimmt ernsthaft Einfluss aufs Geschehen, statt des schillerschen Sohns hat sie ein Töchterchen namens Waltraud. Dass Tell selbst im Privaten verharrt, zur guten Tat (wenn man einen Tyrannenmord so bezeichnen darf) aus eigenem Antrieb findet, nicht aus politischer Überzeugung, belässt die Titelfigur vielschichtig. Paul Steinbach beglaubigt diesen Zauderer mit humanistischen Idealen mitreißend. Sein Monolog und sein Schlussplädoyer aus Hölderlins „Hyperion“ sind starke Theatermomente.

Überhaupt darf man dem Zusammenspiel des Ensembles Ernst und Können bescheinigen. Man tapst behände über den Packeis-Acker, schafft Momente der Vertrautheit auch ohne Körperkontakt, die handelnden Figuren, so überzeichnet sie sind, bringen die Apfel-Schuss Geschichte voran. Den Gessler gibt Intendant Michael Grosse mit perfidem Chefgehabe auf Gummibeinen; Ronny Tomiska muss als Pfarrer ein Pilgerkreuz herumtragen; Adrian Linke ist unterm Rauschebart als Stauffacher kaum zu erkennen. Die einzelnen Szenen sind durch atmosphärische Musik verknüpft, dabei wuseln dann auch wunderliche Dämonen durch die Szenerie, die aus japanischen Mangas oder der Schweizer Sagenwelt entsprungen scheinen. 

Es gibt also viel zu sehen bei diesem „Tell“, nur die sagenhaften Armbrustschüsse bleiben im Sekunden-Schwarz unsichtbar. Theater zum Miterleben.