Neue Orgel für die Musikschule Mönchengladbach

Originalklänge wie in der Kirche : Eine Orgel wie eine Spielkonsole

Das neue Instrument der Musikschule hat keine Pfeifen und erzeugt auch keine elektronischen Klänge. Es spielt digital gespeicherte Töne ab und kann dabei sogar den Raumklang bestimmter Kirchen erzeugen.

Die Orgel ist das klassische Instrument der abendländischen Kultur. Was hat sie mit Digitalisierung und virtueller Realität zu tun? Die Musikschule richtet derzeit eine hochmoderne Orgel ein, die beide Welten miteinander verbindet. Sie ist die erste Musikschule in Deutschland, die eine digitale Orgel anschafft. Die sogenannte „Hauptwerk-Orgel“ ist das 35.000 Euro schwere Geschenk einer Gladbacher Stiftung zum 60. Geburtstag der Musikschule.

Gerade wurde das Instrument aus Holland geliefert. Der Spieltisch sieht fast normal aus: aus Eichenholz, mit vier Tastaturen übereinander und Pedalen. Aber die Orgel hat keine Hebel, sogenannte Register, an den Seiten. Stattdessen stellt man auf zwei Touchscreens rechts und links die Register ein. Und es gibt keine Pfeifen und auch keine elektronisch erzeugten Klänge. Sondern die „Hauptwerk-Orgel“, benannt nach dem Entwickler der Software, spielt digital gespeicherte Töne ab. Der Spieltisch ist im Prinzip eine Spielkonsole.

Eine herkömmliche Orgel mit Pfeifen hätte ungefähr das Zwanzigfache gekostet. Und der Carl-Orff-Saal der Musikschule wäre zu klein dafür. „Aber selbst wenn wir eine Pfeifen-Orgel in den Raum quetschen würden: Sie könnte nur einen Bruchteil dessen, was diese Orgel leistet“, sagt Musikschulleiter Christian Malescov. Denn die digitale Orgel liefert nicht nur Töne, sondern auch den Raumklang einer bestimmten Kirche.

Für jeden Ton sind im Original-Kirchenraum drei Aufnahmen gemischt worden: direkt vor der Orgel, in der Mitte und an der gegenüberliegenden Wand. „Wir kaufen also den virtuellen Kirchenraum mit“, so Malescov. Bisher hat die Musikschule die Software für fünf Kirchen. Künftig wird es im Carl-Orff-Saal je nach Bedarf zum Beispiel klingen wie in der Renaissancekirche in Stade oder der Barockkirche in Zwolle.

Der Organist Willi Hütz hat bei sich zu Hause in Hardt bereits eine „Hauptwerk-Orgel“. Er hat die Musikschule bei der Anschaffung beraten. Beim Besuch bei ihm demonstriert er, was dieses Instrument kann: Als er die Software der Kirche von Stade lädt und ein Stück spielt, erklingen durch die Dolby-Surround-Lautsprecher in seinem Wohnzimmer kurze, näselnde, teils quäkende Töne. Die Orgel aus Zwolle hingegen klingt klar und feierlich, und die Töne hallen lange nach.

Dass gerade die Musikschule Mönchengladbach dieses Vorreiter-Projekt verwirklicht, liegt daran, dass mehrere Strippenzieher dieses Ziel gemeinsam verfolgt haben: Vor drei Jahren hatte Wolfgang Seifen, Professor für Orgelimprovisation und Organist an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin, bei einem Besuch der Musikschule die Idee. Klaus Paulsen, Fachleiter Gesang und Münsterkantor, steckte genauso viel Arbeit in die Umsetzung wie Musikschulleiter Malescov. „Aber ohne das Wissen und Engagement von Wolfgang Seifen und Willi Hütz wäre nie etwas daraus geworden“, sagt Malescov. Und auch nicht ohne die Gladbacher Stiftung, die das Projekt finanziert hat.

Die Stadt hat ebenfalls mitgezogen und das Geld für die nötige Modernisierung des Carl-Orff-Saals bereitgestellt. Er bekommt derzeit eine neue Verkabelung, neue Lampen und eine neue elektroakustische Anlage. „Wir wollen überhaupt keine Konkurrenz zur Kirchenorgel sein“, sagt Klaus Paulsen. „In Kirchen gehören klassische Pfeifenorgeln.“ Die digitale Orgel sei aber ideal für die Ausbildung und den Konzertsaal. Die Orgel kann in einen benachbarten Unterrichtsraum geschoben und dort eingesetzt werden. Immerhin kann die Musikschule aus einem Pool von 500 Klavierschülern schöpfen.

Am 20. Dezember ist das Eröffnungskonzert mit Wolfgang Seifen an der Orgel. Er wird die verschiedenen Klänge der Orgel vorstellen und mit dem Jugendsinfonieorchester die erste Sinfonie für Orgel und Orchester von Guilmant spielen. W-Lan hat die Musikschule übrigens bisher immer noch nicht, obwohl sie seit Jahren den Antrag stellt. Nun wurden aber im Carl-Orff-Saal die Kabel für ein Netzwerk gelegt. „Daher habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben“, sagt Christian Malescov, „dass es im nächsten Jahr klappt.“