Mönchengladbach : Büchner-Preisträger Arnold Stadler sprach in St. Marien

Für die Feiern des Patroziniums der Pfarre St. Marien Rheydt gewinnt Regionalvikar Pfarrer Klaus Hurtz traditionell außergewöhnliche Redner. „Dichter schenken uns Worte für die Erfahrungen, für die uns die präzisen Worte fehlen“, sagte er zu Beginn und fuhr fort: „Es ist eine beglückende Erfahrung, dass wir einen Dichter und Schriftsteller heute hier haben.“ Dieser saß bereits seitlich in der ersten Reihe vor dem Altar und war kein Geringerer als Arnold Stadler, Essayist, Übersetzer und einer der renommiertesten deutschen Gegenwartsautoren.

Stadler studierte in München und Rom Katholische Theologie, anschließend Germanistik in Freiburg, Köln und Bonn. Nach seiner Promotion erhielt er 2006 die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin, für seine Werke bekam er 22 Auszeichnungen, darunter auch den Georg-Büchner-Preis. Der Autor war bereits vor etlichen Jahren als Vortragender zu Gast in St. Marien, wie Hurtz erwähnte. Dieses Mal trug Stadler seine Erzählung „Die schönste Richtung aber war die Himmelsrichtung“ vor, die dieses Jahr erstmals gedruckt im Patmos Verlag erschien. Statt einer Predigt eine Geschichte über die Hauptfigur Roland, der Festreden und Trauerreden schreibt, sich im Auto auf dem Weg zum Friedhof seines Heimatortes befindet, wo er für seinen toten Freund Hilmar die Trauerrede halten soll. Roland fühlt sich schlecht vorbereitet, weiß er doch, dass die zu haltende Rede eine wahre Herausforderung darstellt: Hilmar hat sich selbst getötet und ist zuvor aus der Kirche ausgetreten. Keine einfache Aufgabe, nun die richtigen Worte zu finden, die dem Verstorbenen und den Angehörigen gerecht werden.

Stadler tauchte in seiner Lesung mit den Gottesdienstbesuchern in die Gedankenwelt Rolands ein: Gemachte Erfahrungen bei Beerdigungen, zu denen alle bunt gekleidet erscheinen sollten und die Urne in Regenbogenfarben erstrahlte, Erlebnisse aus der Kindheit, in der er die Zahlen durch das Zählen von Grabsteinen lernte, Begegnungen und Beobachtungen, poetisch aufbereitet und immer wieder mit Psalmen angereichert. Als Dichter verdichtete Stadler viele Gedanken in eine relativ kurze Erzählung und gab den Zuhörern in seinem 15-minütigen Vortrag einen Eindruck davon, was Martin Walser 1994 meinte, als er in einem Spiegel-Essay Stadlers Stil als unverwechselbar und dessen Sprache als Beginn einer epischen Entfaltung bezeichnete.