Volksverein : Vom seltsamen Spiel der Liebe

Zur Lesung aus Liebesbriefen legte Arnold Küsters Singles deutscher Schlager auf. Der Krimi-Autor eröffnete die Vinyl-Woche im Volksverein.

Auf einen Laptop verzichtete Arnold Küsters bewusst. Seine Lesung zur Eröffnung der Vinyl-Woche im Volksverein an der Geistenbecker Straße atmete stattdessen einen charmanten Anstrich Nostalgie, passend zur Patina der kreisrunden, meist schwarzen Scheiben in Zeiten der Digitalisierung. Bevor sich die Besucher zum Zuhören in gereihten Polstermöbeln entspannt zurücklehnten, stöberten sie gründlich im Schallplatten-Sortiment des Volksvereins. Hier lässt sich die goldene Stimme aus Prag in trauter Nachbarschaft mit der Stimmungsmusik für den Partykeller entdecken. Noch bis zum 2. November bietet der Verein Verkaufsaktionen für Schallplatten, Schallplattenspieler und Zubehör an.

„Wenn sich die spitze harte Nadel in die Rille schmiegt, gehört das Knistern einfach dazu“, befand Küsters mit Blick auf die alten Schätzchen. Der Krimi-Autor las dieses Mal nicht aus eigenen Büchern, sondern unternahm eine Zeitreise auf den Spuren von Liebesbriefen aus der Feder von Beethoven, Voltaire, Heine, Valentin, Tucholsky und vielen anderen mehr. Schnell war klar, sie alle kannten Liebesglück und -leid, das Sehnen und Schmachten. Küsters ergänzte die Auswahl um Schlager aus den 1960er und 1970er Jahren. Dafür legte er Singles auf, zum Teil beim Volksverein entdeckt und erstanden. Das charakteristische sanfte Knacken und Rascheln unter der Nadel in der Rille katapultierte viele Besucher in die eigene Jugend zurück und entfachte eine feine Mischung aus vergnügtem Erinnern und ein bisschen Wehmut.

Gekommen waren auch einige Jüngere, die Plattenspieler allenfalls als Relikt der Vergangenheit kennen dürften. Den Anstoß zum Thema in seiner ironischen Doppeldeutigkeit „Die Liebe ist ein seltsames Spiel – Single sein ist keine Schande“ habe Conny Francis Schlager gegeben, verriet Küsters. Natürlich durfte der Hit von einst nicht fehlen. Ebenso besangen Lothar Bernhard Walter, besser bekannt als Michael Holm, und Christian Andersen die Liebe. Adamo schickte eine Träne auf Reisen, Trude Herr bekundete energisch „Ich will keine Schokolade“, und Heidi Brühl beschwor „Wir wollen niemals auseinander gehen“.

Die literarische Auswahl dokumentierte tiefe Gefühle, Schwärmerei, Pragmatismus, Zynismus und Boshaftigkeit im Umgang mit der Liebe. Napoleon ermahnte seine Kaiserin zur Charakterstärke in Zeiten der Trennung. Baudelaire schrieb seiner Mätresse, er wolle sich töten, starb aber 22 Jahre später an der Syphilis. Herrlich ironisch rezitierte Küsters Ringelnatz´ Gedicht vom verliebten Nagel und seiner Frau, der Messingschraube. Die hochfliegenden Zeilen des 19-jährigen Brecht an seine Angebetete muteten im Überschwang kabarettistisch an. Ein Auszug aus Goebbels Brief belegte, dass der Propagandaminister auch in Liebesfragen brutal und herrisch war.

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