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Mönchengladbach: Ulrich Rückriem in der Galerie Löhrl

Retrospektive : 50 Jahre Ulrich Rückriem bei Löhrl

15.000 Kilogramm Steine, Arbeiten aus Holz, Glas und Metall sowie Zeichnungen und Editionen: Die Galerie zeigt eine Retrospektive.

Das „Damenproblem“ ist nicht etwa der Begriff für ein möglicherweise kompliziertes Verhältnis zu Frauen, das an dieser Stelle dem Künstler Ulrich Rückriem keinesfalls untergejubelt werden soll. Das „Damenproblem“ ist genau das, was das Wort sagt: ein Schachbrett aus 64 Quadraten, auf denen acht Damen platziert sind. Und zwar so, dass sie sich gegenseitig auf keinen Fall auf die Füße treten können, wenn es an den nächsten Zug geht. Wobei das so ohne weiteres nicht gelingen kann. Denn die „Damen“ bestehen aus massivem Granit – nichts für schwache Schachspieler.

Wer sich auf einen Schlag einen Überblick über das künstlerische Werk von Ulrich Rückriem verschaffen will, kann das ab heute in der Galerie Löhrl tun. In allen 15 Räumen in den drei Häusern der Galerie an der Kaiserstraße sind insgesamt an die 15.000 Kilogramm Steine zu sehen, außerdem Arbeiten aus Metall, Holz und Glas sowie Zeichnungen und Editionen. Fast genau 40 Jahre, nachdem Dietmar Löhrl seine Mönchengladbacher Galerie mit einer Einzelausstellung von Ulrich Rückriem eröffnete, zeigt sein Sohn Christian nun also die Retrospektive: Werke Rückriems aus fast 50 Jahren sind bis zum 19. Februar 2020 in den großartigen Galerieräumen zu erleben.

Mit großer Hochachtung spricht Christian Löhrl über Ulrich Rückriem und dessen Kunst. „Er ist absolut konsequent seinen Weg gegangen“, sagt er. „Rückriem benutzt den Stein nicht, schlägt nichts aus ihm heraus, er spaltet ihn und setzt ihn wieder zusammen, wobei die Spuren des Arbeitsprozesses sichtbar bleiben.“ Bestes Beispiel in der Ausstellung ist die Arbeit „Ursprung“. Der in seiner Grundfläche fast exakt dreieckige Stein weist vier Löcher auf. Jeweils zwei auf einer Höhe. Dietmar Löhrl ist in Besitz eines kleinen Filmes, der zeigt, wie der Spaltkeil nach und nach in die vier Löcher gesetzt und eingeschlagen wird. Wie von Zauberhand wird der massive Stein zweimal glatt horizontal geteilt. Ansonsten hat sich nichts verändert. Minimalistischer kann Kunst nicht sein.

Ganz andere Werke sind gegenüber zu sehen. Etwa eine gelb lackierte Metallarbeit von 1967. Und eine fünfteilige Bodenarbeit aus Schiefer. Eine Besonderheit. Denn dies ist die erste farbige Steinarbeit des Künstlers. Entstanden 2014. Zwei farbenfrohe Werke aus Glas sind zu sehen. Außerdem wunderbar leichte Zeichnungen, die aus der Ferne an einen fröhlich flatternden Vogelschwarm erinnern. Der Betrachter sollte sich diese kleinen Kunstwerke genauer ansehen. Dann wird er feststellen, dass sie vielschichtig sind – im wahren Sinn des Wortes. Ulrich Rückriem hat jeweils sieben transparente Blätter bearbeitet und aufeinander gelegt. Verblüffend.

Ein ganzer Raum ist der Werkgruppe „50 Years“ gewidmet. Dort sind alle Materialien zu sehen, die der Künstler seit dem Ende der 1960er Jahre verwendet hat. Da ist der Stein – gespalten, poliert geschliffen. Da ist die Holzfaserplatte – ausgeschnitten und bemalt. Der Stahl – gehämmert und geformt. Das Blech – mit Schlägen bearbeitet. Gedrehte Eisenstäbe – geformt und verbunden. Holz – gesteckt. Eisen – geschnitten, behandelt, unbehandelt und zusammengefügt.

Fünf Tage lang haben sechs starke Männer in den Ausstellungsräumen gearbeitet. Die schweren Steine wurden mit einem Siebeneinhalb-Tonner geliefert. Ein bis zu 25 Meter ausfahrbarer Kran schob die massiven Kunstwerke durch die Fenster in die Galerie. Von all den Mühen werden die Vernissage-Gäste heute nichts spüren.