Mönchengladbach: Traditionsgeschäft Ficht deckt Marktlücke ab

Traditionsunternehmen : Bei Ficht kaufen die Künstler ein

1950 haben die Eltern von Angela und Edith Ficht ihr Geschäft für Schreibwaren eröffnet. Die beiden Töchter haben es übernommen und das Sortiment umgestellt. Im Programm sind auch Exoten: Ersatzklingen für Spitzer zum Beispiel.

Angela sieht Edith fragend an: „Wie viele Artikel wir führen?“ Beide zucken die Schultern. Die Schätzungen der Geschwister Ficht schwanken zwischen 3000 und 10.000, oder mehr. Nicht, dass ihnen die genaue Zahl egal wäre, sie haben sich die Frage bisher nur nicht gestellt. Sie müssten dazu mal ihre Inventurbögen durchzählen.

Ständig kommen Kunden. In ihrem Fachgeschäft für Künstler-, Mal- und Zeichenbedarf beziehungsweise Bürobedarf und Schreibwaren, geht es an diesem Freitagnachmittag zu wie in einem Taubenschlag. Und zwar diesmal wörtlich. „Das habe ich in all den Jahren nicht erlebt, dass eine Taube in unser Geschäft will“, kommentiert Angela die Bemühungen ihrer Schwester, das verirrte Federvieh aus dem Laden zu scheuchen. „Ist bestimmt eine Brieftaube, die Briefpapier sucht.“ Trockener Humor, der bei den Schwestern nicht zu kurz kommt.

Ansonsten sind die Kunden der beiden Frauen Könige. Und zwar ebenso wörtlich: „Uns ist die Beratung wichtig. Wir reißen uns ein Bein aus, um zu helfen“, erzählt die 62-Jährige. Das geht schon mal soweit, dass sie einer Kundin ihren eigenen Spachtel ausleiht, weil der gewünschte gerade nicht im Regal liegt. Die Dame sei völlig perplex und dankbar gewesen.

Das Sortiment der Traditionsfirma Ficht ist eine schier unerschöpfliche Fundgrube für arrivierte, aber auch für angehende Künstler, für Studierende und Schüler. Mehr noch: eine wahre Schatzkammer. Keilrahmen in mehr als 60 verschiedenen Größen sind vorrätig. In großen Schränken mit flachen Schubladen findet sich Japanpapier ebenso wie Transparent- und Löschpapier, liegen große Bögen für Aquarelle, oder Sichthüllen bis DIN A1. Fotokarton ist nach Farben und Größen ordentlich in Fächer geschichtet. Pinsel und Stifte in allen Größen und Formen, Stifte, Ölfarben, Aquarell- und Acrylfarben, Zeichenblöcke, Schreibgeräte, Lineale: Die Liste wäre endlos weiterzuführen. Edith Ficht nickt: „Allein von Aquarellstiften haben wir 72 verschiedene Farben.“

Dabei kommt ins Sortiment allein das, was die beiden Kauffrauen unter Qualität verstehen und somit vertreten können. Edith Ficht nimmt sich Zeit. Für jeden. In diesem Augenblick auch für die junge blonde Schülerin. Sie sucht zum Verschenken ein bestimmtes Anleitungsbuch, „mit zwischendrin leeren Seiten zum Ausmalen.“ Das führen wir bewusst nicht, erklärt sie dem Mädchen, „weil das Papier viel zu dünn ist und die Qualität nichts ist.“

Das Geschäftsmodell von Angela und Edith Ficht ist denkbar einfach und daher umso erfolgreicher: „Wenn wir in mehreren Kundengesprächen heraushören, dass ein Artikel in der Anwendung nichts taugt, wird er gestrichen. Was uns nicht überzeugt, kaufen wir nicht ein.“ Das Fachwissen ist ihr größtes Kapital und der beste Wettbewerbsvorteil, so Angela Ficht: „Ich weiß, woraus bestimmte Pinsel gemacht sind.“ Ihr Wissensdurst könne auch schon mal Vertreter nerven: „Das hat bisher noch keiner gefragt.“ Ihre Schwester habe „alle Kataloge im Kopf“, meint Edith Ficht, die nur stundenweise im Geschäft ist, anerkennend. Egal, um was es sich handelt, ob es nun um Zeichenplatten, um Schablonen für den technischen Zeichenbedarf geht, oder um die Acrylfarbe „Porzellanblau 021.“

Die Eltern haben ihr Schreibwarengeschäft offiziell am 8. Januar 1950 gegründet, und zwar um die Ecke, am heutigen Berliner Platz: „In dem Ladenlokal haben wir und der Fahrradhändler Lauth verkauft. Freitags baute noch ein Zigarrenhändler seinen Tisch auf, auch für Lotto“, erinnert sich Angela Ficht an das Geschäftsleben ihrer Eltern. Mit der Zeit hätten die Kunden mehr und mehr nach Öl- und Aquarellfarben gefragt,: „Irgendwann lag das Sortiment bei 50:50. Heute hat der Malbedarf einen noch höheren Stellenwert.“ Und dabei sind, aus heutiger Sicht, auch einige Exoten im Programm: „Ersatzklingen für Spitzer, etwa, Stifteverlängerer oder auch Schwertschlepperpinsel.“

Leider hat Angela Ficht nicht mehr die Zeit, um selbst künstlerisch zu arbeiten. Umso lieber nehmen sie und ihre Schwester am Erfolg und der Freude ihrer Kunden teil: „Sie zeigen uns zum Beispiel ihre Arbeiten auf dem Smartphone.“ Sie sind schon mehrfach gefragt worden, ob sie ihr Geschäft nicht auch zur Galerie machen wollen. „Aber dafür wäre nicht Platz genug“, schüttelt Edith Ficht den Kopf.

Die Schwestern haben neben ihren Stammkunden auch solche, „die in den Laden kommen, weil sie im Vorbeigehen etwas Bestimmtes gesehen haben.“ Dementsprechend legen sie großen Wert auf die Dekoration der beiden Schaufenster. Denn die Lage ihres Geschäfts an der Lüpertzender Straße ist in den vergangenen Jahren insgesamt nicht einfacher geworden, ärgert sich Angela Ficht: „Die geänderte Verkehrsführung im Zusammenhang mit dem Minto macht uns schon erheblich zu schaffen. Positiv sind aber in unserer Nähe die vielen Parkmöglichkeiten.“ Durch eine kluge Einkaufspolitik kann die Eigentümerin des Fachgeschäfts durchaus bei den Preisen mithalten: „Ich brauche mich nicht zu verstecken. Wir haben Qualität für jeden Geldbeutel.“ Ihr Geschäft werde es so lange geben, „so lange die Kunden uns lassen.“