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Mönchengladbach: Tim Merx will ein Buch über die jüdische Familie Ullmann schreiben

Jüdische Vergangenheit : Ein jüdisches Familienschicksal in 120 Briefen

Die jüdische Familie Ullmann musste vor den Nazis fliehen. Werner Ullmann wanderte 1935 nach Argentinien aus – und überlebte. Tim Merx wertet mehr als 120 Briefe aus, die die Familie an Werner schickten. Daraus will er ein Buch machen.

Werner hat überlebt. Weil er als 20-Jähriger Deutschland verließ und nach Argentinien auswanderte. Seine Eltern Julie und Alphons Ullmann brachten ihn am 28. November 1935 zum Schiff. Das jüdische Unternehmerpaar wollte in Deutschland bleiben. Aber unmittelbar nach der Abreise des Sohnes mussten auch Werners Eltern vor den Nationalsozialisten fliehen. Mit ihren zehnjährigen Zwillingen Inge und Edith brachten sie sich in Holland in vermeintliche Sicherheit. Es entstand ein reger Briefverkehr zwischen den Eltern Ullmann und ihrem Sohn in Argentinien.

Tim Merx hat Kopien dieser Briefe – mehr als 120 sind es. Und sie geben beredt Auskunft über das tragische Schicksal der Familie Ullmann. „Ich kenne diese jüdische Familie inzwischen besser als meine eigene“, sagt der 29-jährige Mönchengladbacher, der in Aachen Geschichte und Religion auf Lehramt studiert hat und demnächst sein Referendariat beginnt. Für eine Seminararbeit studierte er sogenannte Wiedergutmachungs-Akten. Die von Inge und Werner Ullmann waren dabei. „Die Juden mussten belegen, welches Unrecht ihnen angetan worden war“, sagt Merx. Und da las er, dass Werner Ullmann Wiedergutmachung forderte für seine im Konzentrationslager ermordeten Eltern und Schwestern, die 1942 deportiert wurden.

Inge Ullmann schreibt 1942 an ihren Bruder Werner. Es ist der letzte Brief der Familie an Werner in Argentinien. Foto: Tim Merx

Alphons und Julie Ullmann wurden 1943 im polnischen Lager Sobibor getötet. Die Zwillinge starben 1945 in Auschwitz. „Von einer Zeitzeugin habe ich erfahren, dass der Lagerarzt Josef Mengele Versuche an den beiden Mädchen gemacht hat“, sagt Tim Merx. Die Schwestern hatten Probleme mit den Augen, und eine litt unter Ohrenschmerzen. „Glücklicherweise hat ihr Bruder Werner davon nie erfahren“, sagt Merx.

Nachfahren der Familie Ullmann besuchen den jüdischen Friedhof in Düren.Das Treffen hatte Tim Merx organisiert. Foto: Tim Merx

Das weiß er, weil er Kontakt zu Werners Sohn Roby in Argentinien aufgenommen hat. Der war zunächst erstaunt, dass sich ein junger Deutscher für die Geschichte seiner Familie interessierte. „Er hat aber schnell gemerkt, dass ich es ernst meinte.“ Und so stellte Roby Ullmann dem Studenten die Briefsammlung seines Vater und jede Menge Familienfotos zur Verfügung. „Da bekamen die Ullmanns ein Gesicht.“ Durch seine Recherche auch in Archiven und beim Landschaftsverband wusste Tim Merx bald mehr über die jüdische Familie als Roby Ullmann selbst. Und es kam heraus, dass es auch in Kanada und Israel Nachfahren von Alphons und Julie Ullmann gab.

Alphons und Julie Ullmann mit den Zwillingen Inge und Edith. Foto: Ullmann

Tatsächlich arrangierte Tim Merx im vergangenen Jahr ein Treffen in Deutschland. „Im Herbst waren Roby Ullmann, seine Schwester Miriam aus Israel und eine Cousine aus Kanada hier.“ Gemeinsam besuchten sie den jüdischen Friedhof in Düren, wo einige Vorfahren der Ullmanns beerdigt sind. „Und im Mai dieses Jahres waren weitere Mitglieder der Familie in Deutschland“, sagt Tim Merx. „Ich konnte ihnen eine Menge über das Schicksal ihrer Vorfahren erzählen.“ Denn auch bei den Ullmanns wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht über die unbeschreiblichen Dramen und Katastrophen gesprochen. Roby Ullmanns Schwester Miriam hat dem deutschen Studenten allerdings mehrfach gesagt, dass ihr Vater Werner häufig und lebhaft von seiner Heimatstadt Düren in der Nähe von Aachen erzählte.

Die Schwestern Inge und Edith Ullmann als Kinder. Foto: Tim Merx

Tim Merx hat einige Aspekte der Familiengeschichte in seiner Masterarbeit niedergeschrieben. „Aber ich habe noch so viel Material, ich möchte ein Buch schreiben über diese jüdische Familie.“ Dazu muss er allerdings noch etliche der vielen Briefe entziffern. 95 Prozent sind handschriftlich verfasst, zum Teil recht unleserlich. Der allerletzte Brief, den Werner Ullmann von seiner Familie erhielt, stammt aus dem Mai 1942. Seine Schwester Inge gratuliert Werner zu seiner Hochzeit mit Ruth. Unter ihren Text skizzierte sie ein Brautpaar und schrieb daneben: „In Eile gezeichnet“.

Werner Ullmann hat die Briefe seiner Familie ordentlich in einem Aktenordner abgeheftet. Foto: Tim Merx

„Mit Sicherheit hatte sich die Familie Ullmann auf ein Wiedersehen gefreut, natürlich wollten alle Werners Frau kennenlernen“, sagt Tim Merx. Dazu kam es nicht, Werners Eltern und Schwestern wurden im November 1942 deportiert und ermordet.