Mönchengladbach: So wird Orpheus in der Unterwelt im Theater

Theater in Mönchengladbach : Im Westen lockt die Unterwelt

Hinrich Horstkotte inszeniert die Offenbach-Operette „Orpheus in der Unterwelt“. Zur Einführung erlebte das Publikum ein Bombardement an Informationen. Zu sehen sind unter anderem Parodien auf die DDR-Führung.

Das Jahr 1858 markiert die ökonomische Wende im Leben des aus Köln stammenden Komponisten Jacques Offenbach: Mit der Uraufführung der Operette „Orpheus in der Unterwelt“ in Paris, die unter dem Deckmantel antiker Mythen das Regime von Kaiser Napoleon III. veräppelte, gelang dem Inhaber des Theaters Bouffes-Parisiens der lang ersehnte finanzielle Aufschwung. Schluss war fortan für ihn mit dem Versteckspiel vor lästigen Gläubigern.

Nach gut 17 Jahren gelangt „Orpheus in der Unterwelt“ ab dem 15. Juni wieder auf den Spielplan des Theaters Mönchengladbach. Dass ein wahrer Offenbach-Kenner am Werk ist, wurde den Besuchern der Einführungssoiree in der Theaterbar klar, nachdem sie Hinrich Horstkotte über die neue Produktion hatten reden hören. Ziemlich ausführlich, der Vermittlungseifer des Regisseurs, der hier für „Hoffmanns Erzählungen“ den Theater-Oscar gewonnen hatte, drohte das verträgliche Maß zu sprengen. Aber er hatte Spannendes zu berichten.

Mangel an Infos zur ersten abendfüllenden Operette des Pariser Großmeisters des Genres gab es somit nicht zu beklagen. Operndirektor Andreas Wendholz erzählte den Mythos um den Sänger Orpheus, dessen Trauer um seine verstorbene Frau Eurydike die Götter bewog, ihm zu erlauben, die Gemahlin aus der Unterwelt zurückzuholen. Doch Orpheus verpatzt eine Auflage – er darf sich nicht nach Eurydike umwenden – und schon ist seine Witwerschaft besiegelt. Dass die Götterwelt in der Operette nur die Folie für handfeste Kritik an Politik und Gesellschaft im Paris des 19. Jahrhunderts bildet, sollte beim Genießen der fröhlich-frivolen Spielhandlung nicht ausgeblendet werden. So bezog sich der Originaltitel „Orphée aux Enfers“ neckisch auf eine No-go-Zone jener Zeit, nämlich ein gleichnamiges („enfer“) Rotlichtviertel. Horstkotte sagte, man tue dem Stück „Gewalt an, wenn man es in einem musealen Rahmen inszeniert“. Und so nutzt er die Gunst der historischen Stunde, um dem Gedenken an den 200. Geburtstag Jacques Offenbachs ein weiteres Erinnerungsdatum zur Seite zu stellen: 30 Jahre Mauerfall. „Ich war in Berlin dabei, als die Mauer fiel“, hob Horstkotte hervor.

So werden die Zuschauer dem Ex-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und seiner Frau Margot begegnen – als Jupiter und Juno. Hinter dem Götterboten Merkur verbirgt sich Stasi-Boss Erich Mielke. Und der Olymp, in dem die Götterschaft sich tödlich langweilt, ist der Palast der Republik. Weniger konkret klingt der Regisseur, wenn er über die „Unterwelt als den Sehnsuchtsort Westen“ spricht. Deren Chef, Gott Pluto, sei eine „zwielichtige Person aus der Berliner Promi-Welt“, so Horstkotte vage. Jedenfalls sind die Olympier wie jeck, als sie von Jupiter zur Höllenparty in die Unterwelt geladen werden. Dort begegnen sie dem Intendanten Michael Grosse. Persönlich! Er singt, in der Rolle des Hans Styx, sogar ein Couplet („Als ich noch Prinz war von Arkadien“).

Die musikalische Leitung hat Kapellmeister Diego Martin-Etxebarria, der die Form des Revue-Liedchens „Couplet“ anschaulich erläuterte. Susanne Seefing trug, am Klavier begleitet von Repetitor Bob Pazur, das „Kuss-Couplet“ vor. Herzerfrischend! James Park gefiel mit dem Couplet des Merkur („Eh-Hop“). Und völlig enthemmt das Finale dieser Soiree, als Hayk Dèinyan alias Jupiter, der sich in eine Fliege verwandelt, um Eurydike nahe zu kommen, und Sophie Witte ein Lachsalven weckendes Duett aufführten. Spitze!

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