Mönchengladbach: So waren Amnesia Scanner, Wassermusik und andere bei der Ensemblia

Festival in Mönchengladbach : Vier Höhepunkte der Ensemblia

Konzerte von Orchester und Elektro-Duo, schräge Performances, herausragende Tanz-Aufführungen – das hatte das Festival zu bieten.

Stadtsparkasse Was für ein schräges, schönes, krasses Konzerterlebnis – und das in einer Stadtsparkasse. Als der Applaus verklungen ist, bleiben die 350 Zuschauer der „Wassermusik“ alle sitzen. So intensiv wirkt die Musik in der ausverkauften Kundenhalle noch nach.

Wie wäre es, die 34 Meter hohe, kathedralenartige Halle mit der beständig plätschernden Wassersäule von Heinz Mack musikalisch zu erforschen? Aus dieser Idee des Musikschulleiters Christian Malescov entstand die „Wassermusik“. Rüdiger Blömer hat sie komponiert, dafür Werke von Schostakowitsch aufgegriffen, aber auch Filmmusik, Jazz, Pop und Neue Musik. Das klingt mal sakral, mal wunderschön, dann wieder laut, roh und grell.

100 Akteure haben sich an der Klang-Collage beteiligt: das Jugendsinfonieorchester der Musikschule, der Chor der Gladbacher Singschule und die Rockband „Flying Circus“. Die Akustik ist überraschend gut: Die Musik klingt in dem riesigen Raum gewaltig wie in einem Dom, ohne störenden Hall.

Die „Wassermusik“ beginnt mit dem Geräusch von Wassertropfen von den Handys der Musiker. Das Orchester umkreist die Frage: Wo steht Musik heute? Es folgen ein rhythmisch sehr bewegtes Paukensolo (Sebastian Schaffer) und Filmmusik mit der Geigerin Lara Hansmann und dem reinen, wunderschönen Soprangesang von Marie Lina Hanke. Bei einem Schnelldurchlauf durch die Musikepochen mischt die Band energievoll mit. Danach kommen ein aufwühlendes Akkordeonstück (Marko Kassl), eine volkstümlich-fröhliche Schostakowitsch-Bearbeitung, düstere Renaissance-Chormusik (Leitung: Klaus Paulsen) und das ausdrucksstarke Klagelied eines Cellos (Niklas Schröder). Das Finale ist ein Choral, der Puls kommt zum Erliegen.

Dieses Aufeinanderprallen der Stile hat eine genau kalkulierte Struktur. Jeder Ton ergibt Sinn. Zu Blömers Stärken gehören seine enormen Kenntnisse der Musikgenres. Seine Polystilistik hat eine ganz eigene Sprache, ist unverkennbarer Blömer-Stil. In der bildstarken Wassermusik lässt sich auch eine Geschichte erkennen: ins Leben geworfen werden, wachsen und reifen, schließlich Sterben und Entschwinden.

Das Jugendsinfonieorchester wird von Christian Malescov souverän durch diese Achterbahnfahrt gelenkt. Man merkt den jungen Musikern ihre fundierte klassische Ausbildung an. So präzise schräg kann keiner spielen, der sein Handwerk nicht beherrscht. „Man muss ständig wach sein, weiß nie, was kommt“, sagt der 17-jährige Cellist Niklas. „Aber dann ist es krass cool. Diese Musik hat ihre eigene Schönheit.“

Der Jugendclub des Theaters überzeugte mit seiner Tanz-Performance bei „Drums,Bass and Dance in Motion“. Foto: Reichartz, Hans-Peter (hpr), Rei/Reichartz,Hans-Peter (hpr)

Monforts Quartier Ensemblia pflegt den Überraschungseffekt. So fragt eine junge Dame die Besucher beim Eintritt ins Monforts Quartier, ob sie auf der Besucherliste stehen. Nanu, die Veranstaltung „Drums, Bass and Dance in Motion“ ist doch öffentlich und unentgeltlich! Aber Schräges ist ja Markenzeichen des spartenübergreifenden Festivals.

Schräg geht’s drinnen, in der saunamäßig hochtemperierten Maschinenhalle der Textilakademie, beim spätabendlichen Programm weiter. Elektronisches Vogelzwitschern ölt die Gehörgänge, bevor Nic Rodriguez Pagan an der sechssaitigen Spezialanfertigung seines E-Basses die Trommelfelle mit aller Dezibel-Macht aufbohrt und mit blubberndem Dröhn-Strom betankt. Die knapp 250 Zuhörer ertragen‘s mit Fassung, auch Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners schaltet den Fußwipp-Modus ein. Der durch Thomas Holtgreve am Drumset verfeinerte ostinate Rhythmus bahnt sich direkt über zitterndes Bauchfell den Weg in den Körper. Für weitere Klangmomente sorgt Prominenz aus Dortmund:  DJ Dash (Steffen Korthals) bedient Sound-Computer und Turntable in majestätischer Ruhe.

Nach einer halben Stunde ändert sich der Musik-Mix schlagartig, zu den akustischen gesellen sich frische visuelle Reize: Wie bewegte Disco-Kugeln muten die fünf Mädchen und vier Jungen der „Musical Dancer(s)“ vom Jugendclub des Theaters an, die in hautengen Pailletten-Kostümen den Dancefloor bevölkern. Zu funky Breakbeats mit Anleihen bei Techno, House, Electro und Ambient verblüfft die neunköpfige Truppe mit fast professioneller Könnerschaft. Man ist verdutzt ob der ausgefallenen, spannenden Bewegungsideen, welche die Theaterpädagogin und langjährige Solotänzerin des Theaters Krefeld/Mönchengladbach, Silvia Behnke, ihren Schützlingen auf die gertenschlanken Leiber geschrieben hat. Sogar kleine akrobatische Einlagen werden bewältigt, vor allem aber begeistert die brillant abgestimmte Choreo, die für permanente Spannung der Abläufe sorgt. Im Unterschied zum Ballett bleiben die Mienen der Dancers, die bereits ab zwölf Jahren in die Gruppe eintreten können, immerfort ernst, streng, unnahbar. In vier Tanznummern (im zweiten Teil in legeren Trikots) zeigen die Aktiven einen großartigen Mix aus Eleganz, Fantasie, sprühender Kreativität und beseeltem Ausdruckswillen, der das Publikum rettungslos in Bann zieht. Eine tolle Show! Und die eindrucksvolle Visitenkarte einer Tanzexpertin, der man wünscht, dass sie bald eine Choreografie mit dem Theaterballett präsentieren darf.

Taka Kagitomi lockt auf dem Schillerplatz aus seinen eigenwilligen Installationen ganz ungewohnte Töne hervor. Foto: Renate Resch

Schillerplatz „Viele haben sich gefragt, was hier eigentlich los ist – das ist auch Sinn der Sache“, sagt Bernhard Jansen, der sich um die Organistation der Ensemblia kümmert und die Veranstaltung auf dem Schillerplatz eröffnete. „Die Teilnehmer der Performance werden nicht immer mitbekommen haben, wer alles dazugehört hat.“ Begonnen wird mit dem Experiment „It’s invented, it’s not real“, einer Performace von Justyna Scheuring welche sie ebenfalls musikalisch gestaltet. Alles, was während dieser Zeitspanne auf dem Platz geschieht, spielt mit hinein. Die Unterscheidung zwischen inszeniert und tatsächlich hat fließende Grenzen. „Es ist so lustig, irgendwann verdächtigt man jeden, an der Performace beteiligt zu sein“, bemerkt eine Passantin lachend.

Die glühende Hitze animierte zu Beginn nur wenige Besucher zum Schillerplatz zu kommen. Erst als sich der Schatten langsam auf den Platz legte, gesellten sich die Menschen hinzu in der Bereitschaft, sich auf die Performaces einzulassen und dabei mitzuwirken. „Viele von uns werden merkwürdige, überraschende, aber auch hintergründig lustige Sachen über den Tag erleben“, kündigt Bernhard Jansen an.

In diesem Rahmen findet eine Ausstellung der Skulpturen von Alexander Hermanns auf offenem Platz statt. Glänzende, metallartige Gebilde, mit denen das Sonnenlicht spielt. Gleichzeitig werden Performaces präsentieren.

Taka Kagitomi hat für seine Performance einiges aufgebaut. Verschiedene Gegenstände hat er mit einem akustischen Verstärker versehen, damit Berührungen zu Tönen und Klängen werden. Er animiert Besucher, einiges auszuprobieren und selbst mit dem Streichen eines Astes über ein Seil, dem Drehen an einem Fahrrad oder dem Zupfen an kleinen Ästen unterschiedliche Töne zu erzeugen. Es entstehen fantasievolle Klanggebilde, zu denen der Künstler immer neue Gegenstände dazuholt und ausprobiert. Mit einer Schale erzeugt er durch das Darüberstreichen ziehende Klänge, die der Innenraum verstärkt. Auch eine blinkende Spielzeugpistole ist im Repertoire. Weitere Konzerte und Performances auf dem Schillerplatz beschließen den Tag im Herzen des Gründerzeitviertels. Das zweijährlich stattfindende Festival für zeitgenössische Kunst berücksichtigt schwerpunktmäßig Neue Musik, bezieht jedoch auch andere Kunstsparten mit ein und wagt Grenzüberschreitungen wagt. Die hochsommerlichen Temperaturen machten es diesmal den Beteiligten nicht einfach. Doch Improvisation ist ja Teil der Kunst.

Ville Haimala und Martti Kalliala geben als „Amnesia Duo“ ein Konzert am Museum Abteiberg, wollen aber nicht erkannt werden. Foto: Renate Resch

Museum Abteiberg Der laue Sommerabend nach einem heißen Tag, zog die Besucher in die Straßen vor das Museum Abteiberg, „Amnesia Scanner“ ein Open-Air-Konzert spielt. Für Getränke ist gesorgt – dem Sommerfeeling steht nichts im Wege.

 Das Duo wird bei seinem Erscheinen begeistert begrüßt. Trockeneis wabbert über die Köpfe der Zuhörer, rote und weiße Lichtreflexe, sowie wechselnde Lichtgrafiken bestimmen die Szenerie. Die experimentelle, elektronische Musik wird beherrscht von metallischen, dumpfen Klängen, welche der Boden überträgt, sodass sie körperlich spürbar werden. Die kombinierten Geräusche und Wortschnipsel ergeben eine schräge Mischung, wobei der Rhythmus dominiert.

Was steckt dahinter? Die Beiden sind ein in Berlin ansässiges finnisches Duo für elektronische Musik. Ihre Musik ist geprägt von der Auseinandersetzung mit Technologie und deren Einfluss auf unsere Emotionen. Amnesia Scanner operiert mit gestörten Systemen, Überdosen an Informationen und sensorischen Exzessen. Ihr Thema ist die Ablösung vom Mensch durch die Maschine. Sie performen in Musik-Clubs ebenso wie in Kunsträumen und betreiben zudem ein experimentelles Design- und Produktionsstudio in Berlin. Sie möchten unerkannt und ungesehen bleiben. Sie singen nicht selbst, sondern lassen Maschinen singen und gestalten ihre Musik mit technischen Klängen und Algorithmen.

Ville Haimala und Martti Kalliala sind seit April und noch bis August in zwölf Städten Europas und Amerikas mit ihrem Konzert unterwegs und machten für einen Abend Station in Mönchengladbach als Teil der Ensemblia.

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