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Mönchengladbach: So lief der Start der Musikschule startet unter Corona-Bedingungen

Musikunterricht in Mönchengladbach : Musikschule startet unter Corona-Bedingungen

Ballett-Schule, Klarinetten-Unterricht und Gesangs-Ausbildung auf Distanz – so funktioniert der Musik-Unterricht in der Corona-Pandemie. Da wird ein Putzuntensil noch ganz wichtig.

Wie korrigiert eine Ballettlehrerin in Corona-Zeiten die Haltung ihrer Schülerinnen? Lara Diez geht mit einem umgedrehten Schrubber durch den Ballettsaal der Musikschule und tippt mit der Spitze des Stils auf krumme Füße und hängende Arme. „Strengt euch an, sonst komme ich mit der feuchten Seite“, droht sie. Es wird viel gealbert in der ersten Unterrichtsstunde nach zwei Monaten Corona-Zwangspause. Vielleicht auch, weil Lachen gegen Beklommenheit hilft. Jede Schülerin darf sich nur in einem auf dem Boden abgeklebten Viereck bewegen. Zwischendurch fällt der Rucksack der Lehrerin um, ihr Deo rollt in den Bezirk von Katja (20). Diese zögert lange, bis sie das Deo aufhebt. Später erklärt sie: „Ich war unsicher, ob es Lara recht ist, wenn ich es berühre.“

Maximal sechs Schüler dürfen pro Gruppe im Tanzsaal sein, sie müssen mindestens 1,5 Meter Abstand halten. Und Lara Diez wischt den Boden nach jeder Stunde, auch die Ballettstangen desinfiziert sie. Vor dem ersten Unterrichtstag hat sich die Tanzlehrerin gefragt, wie sie sich verhalten wird, wenn ein kleines Kind sie wie gewohnt zur Begrüßung umarmen will. Keines hat es überhaupt versucht.

Klarinettenunterricht in der Musikschule: Auch beim Spielen eines Blasinstruments können Viren weit fliegen. Deshalb stehen der Klarinettenlehrer Holger Busboom und der achtjährige Alexander beim Unterricht weit auseinander. Foto: Detlef Ilgner Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)

Drei Viertel des Unterrichts bietet die Musikschule bereits wieder an, den Einzelunterricht fast komplett. Dabei profitiert sie von ihren großen Räumen, die den im Hygiene-Konzept festgelegten Abstand gewährleisten. Diese Woche startet die musikalische Früherziehung in Kleingruppen, zudem werden kleine Ensembles wieder proben. Das ist auch möglich, weil die Musikschule bei ihren Lehrkräften keine Ausfälle hat. „Zwar können Lehrer, die zu einer Risikogruppe gehören, ein ärztliches Attest vorlegen und anders beschäftigt werden“, sagt Musikschulleiter Christian Malescov. „Bisher hat aber keiner davon Gebrauch gemacht.“

Wer die Musikschule betritt, muss derzeit an einem Türsteher vorbei. An den Türen hängen Schilder mit Verhaltensregeln. Pfeile auf den Boden lotsen durch das Treppenhaus. Sofas in den Fluren sind mit rot-weißem Plastikband gesperrt. Die Cafeteria ist geschlossen. Nur Kinder unter zehn Jahren dürfen in die Schule gebracht werden.

Weil beim Singen Viren weit fliegen, wurde der Gesangsunterricht in die riesigen Pfarrsäle von St. Vitus ausgelagert. Dort stehen die Gesangslehrerin Nicole Ferrein und die 16-jährige Randi sieben Meter voneinander entfernt. Durch die offene Terrassentür kommt frische Luft herein. „Es ist anstrengend, über so eine Distanz Spannung aufzubauen“, sagt Randi. Ihre Lehrerin lacht. „Das ist ein gutes Training.“  Auch beim Spielen eines Blasinstruments können Viren weit fliegen. Deshalb stehen der Klarinettenlehrer Holger Busboom und der achtjährige Alexander beim Unterricht ähnlich weit auseinander. „Mein Lehrer sieht aus wie ein Zwerg“, sagt Alexander. „Das fühlt sich an, als wäre er nicht richtig da.“ Alle Atemzeichen muss der Junge nach Busbooms Anleitung selbst in die Noten eintragen – eine mühselige Prozedur.

Der Hornlehrer Kristiaan Slootmaekers stellt beim Üben eine Schale, Papiertücher und Müllbeutel hin. Beim Spielen eines Blasinstruments entsteht Kondenswasser. Das muss die neunjährige Elena nun auffangen und später selbst entsorgen. Diese Woche Mittwoch wird das Mädchen zehn Jahre alt. Laut Bestimmung darf ihre Mutter sie dann nicht mehr wie bisher in die Schule bringen.

„Hier wird niemand Elenas Ausweis kontrollieren“, sagt Malescov. „Die Regeln sind nicht dazu da, dass sie sklavisch befolgt werden.“ Für ihn kommt es im Sinne der Kinder auf Augenmaß an. „Wir erleben gerade das größte pädagogische Experiment seit dem Krieg.“ Der Schulleiter geht davon aus, dass die Kinder nach dieser Krise andere sein werden als davor. „Ihre Ängste werden intensiver sein. Und was nehmen sie mit, wenn sie lernen, dass natürliche menschliche Nähe gefährlich ist? Lernen lebt auch von der unbefangenen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.“

Eine Geigenlehrerin der Musikschule ist auf sehr spezielle Art vom Virus betroffen: die Italienerin Elena Corona. Sie könnte ein Buch schreiben über all die Reaktionen, die ihr Nachname auslöst. „Jetzt bin ich berühmt, ohne etwas dafür zu können“, sagt sie. „Wie lange müsste ich dafür Geige üben?“