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Mönchengladbach: Shalom-Chor der jüdischen Gemeinde

Shalom-Chor der jüdischen Gemeinde : Singen zur Freude und zur Kontaktpflege

Der „Shalom-Chor der jüdischen Gemeinde“ trifft sich jeden Donnerstag im Jüdischen Zentrum an der Albertusstraße.

„Singen macht gesund – jüdisches Singen macht glücklich!“ Das ist das Motto der 24 älteren und teils schon betagten Sängerinnen und Sängern, die sich an jedem Donnerstagnachmittag im Versammlungsraum ihres jüdischen Zentrums an der Albertusstraße treffen, um sich auszutauschen und miteinander zu singen. Das geschieht  in russischer Sprache, denn die Chormitglieder sind fast alle aus Russland oder der Ukraine nach Deutschland gekommen. Mit mehr oder weniger Erfolg haben sie versucht, hier heimisch zu werden – dass viele von ihnen in der Vergangenheit Schweres erlitten haben, ist an ihren Gesichter abzulesen.

„Der Chor und die damit verbundenen sozialen Kontakte müssen unbedingt erhalten bleiben, das ist wichtig für unsere Leute“ betont Leah Floh, die Leiterin der jüdischen Gemeinde, mit Nachdruck. Sie unterstützt die Chorgemeinschaft mit Rat und Tat,  nimmt nach Möglichkeit auch an den Proben teil.

Gegründet wurde der Chor am 19. November 1998. Die erste Chorleiterin war Tatiana Kudrina aus Kiew, die zunächst nur eine kleine Gruppe von Sängerinnen und Sängern um sich scharen konnte. Einige davon singen noch heute mit. Seit zehn Jahren leitet Nataliya Soboleva – eine ausgebildete Pianistin - die inzwischen 24 Choristen, die sich  bis zur Dreistimmigkeit vorwagen. Soboleva stammt aus der Ukraine und betrachtet ihre Chorleitertätigkeit, die sie mit hoher Professionalität, freundlicher Lebendigkeit und bewundernswerter Geduld versieht, als Ehrenamt. „Mein Vater war Jude“ ist ihre bescheidene Erklärung.

Zu Beginn der Chorprobe, die ausschließlich in russischer Sprache gehalten wird, bekommen die Herren weiße Kippas, die Damen erscheinen in weißen Blusen mit blauen Tüchern. Soboleva gibt die Anfangstöne an, und als Einstimmung erklingt ein religiöses Lied in hebräischer Sprache. Ansonsten werden überwiegend Lieder aus dem Bereich der Volksmusik gesungen, mal  ernst und melancholisch, dann wieder heiter.

Die Liederhefte enthalten nur Texte und keine Noten. „Das sind unsere Choristen gewöhnt – die Melodien und Tonfolgen, auch in der Mehrstimmigkeit, singe ich mehrmals vor, und so lernen sie sie auswendig“, erläutert die Chorleiterin, die bei Bedarf  einfühlsam am Klavier begleitet, mit entwaffnendem Lächeln. Die meisten Gesänge – in hebräischer, jiddischer, russischer, ukrainischer und deutscher Sprache – werden von einem Vorsänger eingeleitet. Die Aufgabe übernimmt bei dieser Probe sehr souverän ein älterer Herr, der den eigentlichen Vorsänger vertritt, einen 92-Jährigen, der erkrankt ist. Der hebräischen Sprache sind viele der Chormitglieder nur bedingt mächtig – doch es gibt zum Glück eine kundige Mitsängerin, die diese Texte zunächst vorspricht und einübt.

Der „Shalom-Chor der jüdischen Gemeinde“ ist bei allen jüdischen Festen aktiv. Er singt bei Holocaust-Gedenkfeiern und gastiert bei jüdischen und nichtjüdischen Organisationen, beispielsweise in Altenheimen. Gerne denken die Sängerinnen und Sänger an den 13. Mai des vorigen Jahres zurück. Da nahmen sie am „Festival der Chöre“ in der großen jüdischen Gemeinde Frankfurt teil.

Nach gut eineinhalb Stunden geht mit der Nationalhymne des Staates Israel die sehr lebendige Chorprobe zu Ende. Doch vorher wird es noch einmal unerwartet temperamentvoll. „Kalinka“, der „Schlager“ aller Kosakenchöre, entfacht plötzlich unter den Choristen ein Feuer, das so nicht zu erwarten war. „Das haben wir extra für Sie gesungen“, meint ein älterer Herr mit leuchtenden Augen. Das ist der bewegende Schlussakkord eines bemerkenswerten musikalischen Nachmittags.