Mönchengladbach: Russischer Frauenchor probt in Wickrath

Mönchengladbach : Russische Seele in Wickrath

Der Frauenchor Katjuscha probt freitags im Wickrather „Treffpunkt“. Am 6. Juli ist er in Odenkirchen zu hören.

„Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten; still vom Fluss zog Nebel noch ins Land. Fröhlich singend ging heimwärts Katjuscha, einsam träumt der sonnenhelle Strand.“ In dreistimmigem Tonsatz erklingt ein Lied in der Begegnungsstätte „Treffpunkt“ in Wickrath. Am Bajan, dem osteuropäischen Knopf-Akkordeon, begleitet Tatjana („Tanja“) Lutz acht Frauen. Sie singen das Volkslied „Katjuscha“ original auf Russisch. Leuchtend hell klingen Soprane und Altstimmen, aber auch die Tenorlage ist sonor herauszuhören. Das Lied, das sie bei der Chorprobe anstimmen, ist zugleich der Name des Frauenchores, dem 14 Spätaussiedlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion angehören. Katjuscha war in Deutschland einst gefürchtet – so bezeichnete die russische Artillerie im Zweiten Weltkrieg ihre berüchtigte „Stalin-Orgel“.

Tatsächlich, stellt Tanja Lutz klar, ist Katjuscha einfach die Koseform von Katja oder Katharina. Vor elf Jahren, erzählt sie, hat die Spätaussiedlerin aus Kasachstan, die daheim ein Musikstudium absolvierte, eine Gruppe singbegeisterter Frauen zusammengebracht. „Wir hatten damals alle kleine Kinder und trafen uns regelmäßig bei einem Mutter-Kind-Kreis in Wickrath“, erzählt Tanja Lutz. Mit Eltern und Geschwistern war sie 1996 nach Deutschland gekommen, die Familie kam zunächst in der Stadt Bergheim unter. Ab 2002 in Mönchengladbach, fand die Dozentin für Akkordeon und elementare Musikerziehung an der städtischen Musikschule Mönchengladbach Unterstützung für ihr Chorprojekt bei der evangelischen Kirchengemeinde in Wickrath. Die Stadt stellte für die Proben ihre Begegnungsstätte an der Lisztstraße zur Verfügung. In den Anfangsjahren leitete Tanjas Ehemann Michael Lutz, Sänger im Extrachor des Theaters Mönchengladbach, das Vokalensemble.

„Wir sind der einzige russische Frauenchor in Mönchengladbach“, betont die Chorleiterin. Für die Probe haben die Damen sich ausnahmsweise in Schale geworfen, genauer: Sie tragen blaue und rote Kleider mit blumigem oder silbergewirktem Latzmuster und bunt gestreiften Volants. „Die Kleider werden eigens für uns in einem Textilatelier in Omsk gefertigt“, informiert Lutz. Die osteuropäische Herkunft verraten vor allem die dekorativen Blumenkränze auf den Häuptern. Der Chor Katjuscha betont so die enge Verbundenheit mit dem Volksbrauchtum seiner Heimat. Aus Russland, der Ukraine, Weißrussland oder Kasachstan stammen die Volkslieder, die Tanja Lutz mit den fröhlichen Sängerinnen, die auch kleine Choreografien einstudieren, erarbeitet. Nicht alle Mitglieder des Kammerchors verfügen über Notenkenntnisse. Aber in Melodie und Text sind alle sattelfest. Die Chorleiterin muss dafür sorgen, dass die Sängerinnen ihre Partien zwei- oder dreistimmig auswendig beherrschen. Hingebungsvoll stimmen sie das Liebeslied „Marusja“ an, singen von einer Pappel im Herbst oder von den „Knopatschki“, den Knöpfchen am Akkordeon. Bei den Melodien fällt auf, dass die meisten russischen Volkslieder in Moll gesetzt sind. „Das heißt aber nicht, dass es alles traurige Lieder sind“, rückt die Chorleiterin ein Vorurteil zurecht. Auch deutsche Titel, die in Osteuropa geläufiger waren als in Deutschland, wie „Isabella“ oder „Schön ist die Jugend“, gehören zum Repertoire.

Derzeit bemüht sich „Katjuscha“ um den Sprung in eine höhere Kunstsparte. „Wir proben das Stück für Mädchenchor aus der Oper Evgenij Onegin von Tschaikowsky“, sagt Lutz. Bei der Probe klingt es schon ansprechend, aber an der Intonation muss noch gefeilt werden. Beim Pfarrfest am 6. Juli in der St.-Laurentius-Kirche Odenkirchen wollen sie den anspruchsvollen Chorsatz aufführen. Bis dahin haben drei Elenas, Galina, Lilija, Maria, Natascha, Oksana, Olga und Kolleginnen noch etwas Zeit.

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