Mönchengladbach: Provenienzforschung im Museum Abteiberg

Museum Abteiberg : Was die Rückseiten von Bildern erzählen

59 expressionistische Werke hat das Museum Abteiberg von der Kunsthistorikerin Vanessa Voigt in Hinblick auf ihre Herkunft untersuchen lassen. Es galt herauszufinden, ob sie aus Beschlagnahmungen der Nazis aus jüdischem Besitz stammen.Keine der 59 Arbeiten ist eindeutig belastet, sieben sind frei von jedem Verdacht.

Ernst Ludwig Kirchner hat das wunderschöne Gemälde 1914 oder 1915 gemalt. Es heißt „Weiblicher Akt im Grünen“ und trägt unten links die Signatur des Künstlers. Im Museum Abteiberg ist das Bild seit 1964, es wurde mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen erworben – für 48.000 Deutsche Mark. Diese Informationen sind dem Inventarbuch des Museums zu entnehmen, das – bis heute – handschriftlich geführt wird. Die Frage ist: Wo befand sich das Gemälde in der Zwischenzeit? Also zwischen seiner Entstehung und dem Ankauf durch die Stadt Mönchengladbach?

Genau darum geht es bei der Provenienzforschung. Deutschland hat sich 1999 selbst verpflichtet, die Herkunft aller Kunstwerke zu prüfen, die von den Nationalsozialisten insbesondere aus jüdischem Besitz beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden. Zwischen 2016 und 2018 ließ das Museum Abteiberg mit finanzieller Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg 59 Arbeiten von der Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin Vanessa Voigt untersuchen. Das Ergebnis: Kein einziges der untersuchten Werke ist eindeutig belastet, sieben Werke sind vollkommen frei von jeglichem Verdacht, und bei 52 ist die Herkunft nicht eindeutig, also die Provenienzkette nicht bis ins letzte Ende nachvollziehbar. Das bedeutet, diese 52 werden in Kürze aus Gründen der Transparenz auf der Plattform www.lostart.de veröffentlicht. In der Hoffnung, dass sich manche Lücken noch schließen lassen.

Auf der Rückseite finden sich handschriftliche Notizen und Aufkleber. Foto: Bauch, Jana (jaba)

„Das ist für uns ein schönes Ergebnis“, sagt die stellvertretende Direktorin des Museums Abteiberg, Felicia Rappe. Denn es ist aufgrund der aktuellen Quellenlage bislang davon auszugehen, dass die Kunstwerke keinem ihrer Voreigentümer unrechtmäßig entzogen wurden. Schon gar nicht das Kirchner-Gemälde „Weiblicher Akt im Grünen“. Denn das hat eine zweifelsohne völlig unbelastete Herkunft. Das konnte Vanessa Voigt nachweisen.

„Für die Provenienzforscherin ist der Blick auf die Rückseite eines Bildes oft sehr aufschlussreich“, sagt Felicia Rappe. Denn mit etwas Glück finden sich auf dem Rahmen handschriftliche Notizen oder kleine Etiketten mit den Namen von Galerien oder Museen. Im Fall Kirchner gab die Rückseite des Bildes viel von seiner Geschichte preis. In kleinteiliger Puzzlearbeit und mit fast kriminalistischem Spürsinn machte sich Vanessa Voigt auf, die Geschichte des Bildes zu erforschen. Und sie konnte sie lückenlos aufdecken. Nach 1921 bis 1928 war das Gemälde in Besitz der Berliner Galerie Alfred Flechtheim, anschließend wurde es bis 1930 im Galeriebestand von Ferdinand Möller in Berlin geführt. 1931 wurde das Bild vom Stettiner Museumsverein erworben und als Leihgabe dem Stadtmuseum überantwortet. Im Zuge der Beschlagnahmungen „entarteter Kunst“ 1937 von den Nazis konfisziert und an den Kunsthändler Ferdinand Möller zum Weiterverkauf übergeben. „Frau Voigt hat herausgefunden, dass Möller der Weisung nicht folgte“, sagt Felicia Rappe. „Er behielt das Bild entgegen der mit den Nazi-Behörden getroffenen Vereinbarung.“

Erst 1955 verkaufte der Kunsthändler das Bild an den Düsseldorfer Bankier Kurt Forberg. Dieser übergab es 1960 zum Weiterverkauf an die Galerie Großhennig, wo es sich wenigstens bis 1962 befand. Und letztendlich wurde es von einer „Frau J. Werner, Düsseldorf“ vom Städtischen Museum Mönchengladbach erworben. Wer Frau Werner war oder ist, ist bis heute unbekannt.

Was sich scheinbar so lückenlos aneinanderreiht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis intensiver Recherche. „Frau Voigt verfügt über ein unglaubliches Netzwerk, sie kennt sich in der Provenienzforschung wie kaum ein anderer aus, sie hat jahrelange Erfahrung auf ihrem Gebiet“, sagt Felicia Rappe. Die Provenienzforschung sei ein spannendes, neues Gebiet für Kunsthistoriker. „Wir haben immer die Vorderseiten der Bilder betrachtet, jetzt schauen wir mit großem Interesse auf die Rückseiten, denn da finden wir die Biografien der Bilder.“