Mönchengladbach: Probenbesuch vor der Premiere von "Orpheus in der Unterwelt" im Theater

Mönchengladbach : Sächselnde Eurydike im Hasenkostüm

Jupiter ist Erich Honecker, Juno seine Frau Margot. Frei nach der Offenbach-Operette „Orpheus in der Unterwelt“ hat Hinrich Horstkotte die Handlung 30 Jahre nach dem Mauerfall ans Ende des DDR-Regimes verlegt. Ein Probenbesuch.

 Eurydike, eine echt heiße Biene, wird von dem Imker Aristeus, der sich als Pluto herausstellt, in die Unterwelt mitgenommen. Darüber ist Eurydike extrem froh, weil sie endlich ihren Mann Orpheus los ist. Der berühmte Geiger findet die Trennung auch klasse. Eurydike beginnt ein Verhältnis mit Pluto, und Orpheus umschwärmt seine Schülerin Marquilla. Alle Beteiligten sind total zufrieden und wähnen sich im Glück. Aber da kommt die „Öffentliche Meinung“ ins Spiel. Sie befiehlt Orpheus, sich den Göttern zu stellen und Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen. Weil es die Mythologie verlangt. Auf Einladung von Operndirektor Andreas Wendholz durften wir eine Probe im Theater besuchen.

Leinwände markieren die Trennung zwischen Olymp und Unterwelt. Geprobt wird das Ende der elften und die zwölfte Szene der Operette. Hinrich Horstkotte, der für die Regie und die Kostümausstattung zuständig ist, weist die Akteure von einem Tisch aus an. An dem es ihn nie lange hält. Er erklärt, wie er sich eine Szene vorstellt, springt dann ein ums andere Mal auf, windet sich wieselschnell durch die Schar der Sängerinnen und Sänger, übernimmt die Rolle des Pluto, zeigt Eurydike, in welcher Weise sie sich dem Kuss ihres Geliebten hingeben soll und fordert die Liebesgöttin Venus auf, sich mächtig zu freuen. Er spricht dem Göttervater Jupiter das selten dämliche Sprüchlein vor, das dieser auf Befehl der „Öffentlichen Meinung“ mit kindisch-quäkender Stimme rezitieren soll: „Wir kennen dein Begehr, nun werdet glücklich sehr. Du tust gar sehr sie lieben, drum nimm sie mit nach drüben.“

Die Handlung hat mit dem Original, der Operette von Jacques Offenbach, nur grundsätzliche Ähnlichkeiten. Horstkotte hat sie in die Zeit, die das Ende des DDR-Regimes markiert, verlegt. Die DDR ist der Olymp, die Unterwelt liegt in der BRD. Dazwischen: die Mauer. In seiner Fassung treten Jupiter und seine Frau als Erich und Margot Honecker (Hayk Deinyan und Debra Hays) auf, und die „Öffentliche Meinung“ (Gabriela Kuhn) hat frappierende Ähnlichkeiten mit Angela Merkel.

Eurydike wird von Sophie Witte verkörpert. Die gebürtige Berlinerin sächselt herrlich-schnodderig daher: „So, nu bin ich ferdsch.“, sagt sie. Oder: „Oh nee! Isch wär bleede!“ Als Hase verkleidet, hat sie soeben einen wilden Tanz hingelegt. Bei der Probe trägt sie das Kostüm natürlich nicht. Eine Herausforderung. „Du musst den Kopf so nach unten halten, dass die Hasenohren dein Gesicht verdecken“, sagt Hinrich Horstkotte. Sophie Witte macht es – auch ohne die langen Löffel.

Was auffällt: Die Stimmung beim Regisseur ist anhaltend bestens, die der Sängerinnen und Sänger manchmal gar ausgelassen. Man mag sich. Aber sobald es ernst wird, ist jeder auf seinem Platz. Die hohe Konzentration ist spürbar, niemand schont sich. Wenn Pluto (Rafael Bruck) sieben- bis achtmal auf den hohen Tresen hüpfen, oder Eurydike sich mindestens zehnmal von ihm küssen lassen muss, dann passiert das immer mit Eifer und Hingabe.

Ja, es macht Spaß, neben Andreas Wendholz auf der Bühne zu sitzen, wenn das Ensemble des Musiktheaters probt. Es macht Spaß, dem ungeheuer engagierten Hinrich Horstkotte bei der Arbeit zuzusehen. Und der Respekt vor den Leistungen ist riesig.

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