Mönchengladbach: Premiere des Ballettabends "Living in America"

Ballett-Premiere im Theater : Geschichte Amerikas getanzt

Die Premiere des neuen Ballettabends von Robert North „Living in America“ versorgte das Publikum mit purer Energie. Ein bejubelter Auftakt.

Da ist eine Szene, die zerstört alle berauschenden Illusionen. Wo eben noch das Leben ausgelassen gefeiert, die Zukunft beherzt angegangen wurde, quält sich ein abgerissener Obdachloser von seinem Nachtlager hoch und tanzt sein Elend, seinen Frust und seine Hoffnungslosigkeit so aus sich heraus, dass es kaum zu ertragen ist. Er windet sich, verharrt in der Bewegung, scheint zu straucheln, fängt sich. Um dann zurück auf sein armseliges Lager zu kriechen. Großartig, fantastisch – Alessandro Borghesani.

Bis zu diesem Moment am Ende des zweiten Aktes werden Geschichten erzählt. Von Menschen und Schicksalen. Eine Familie – Vater, Mutter, Tochter – sind im Goldenen Westen angekommen. Sie lassen sich nieder, die Tochter wächst heran, es geht um Liebe. Die Eisenbahn erschließt das Land, und die Industrialisierung verändert die Welt. Junge Männer machen sich auf den Weg in die Städte, um da zu arbeiten und Geld zu verdienen. Junge Frauen hoffen auf die große Karriere beim Film, geben alles. Es geht bei allem immer um den schnellen Dollar.

Die Menschen werden gierig. Machen Geld mit Alkohol, Drogen, Glücksspiel und Sex. Banden beherrschen die Städte. Der Ton wird rauer. Im wahren Sinn des Wortes. Die Musik von Aaron Copland, die volkstümliche und neoklassische Elemente mit dem Jazz verbindet und das amerikanische Lebensgefühl packend wiedergibt, verklingt. Im dritte Akt werden die Figuren symbolischer, die Handlungen abstrakter, die Musik von George Gershwin, John Lee Hooker, Peter Gabriel, Jean Michel Jarre und Christopher Benstead zunehmend expressiv und fordernd. Das ruhige Erzählen hat ein Ende, die Geschichte nimmt ordentlich Fahrt auf.

„Willkommen in Amerika“, erklingt es aus den Lautsprechern eines Flugzeugs. „Willkommen im Land, in dem es erlaubt ist, Waffen zu besitzen, in dem die Medien nie die Wahrheit sagen.“ Die Handlung ist in der Gegenwart angekommen. Die Gier tanzt mit dem Geld (was für ein schönes Paar: Allessandro Borghesani und Yoko Takahashi), die Boxerin (Irene van Dijk) schickt ihren männlichen Gegner (Marco A. Carlucci) auf die Bretter.

200 Kostüme hat Udo Hesse den Tänzerinnen und Tänzern auf den Leib schneidern lassen. Jeder ist jederzeit bereit, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Hinter der Bühne muss der Teufel los sein. Und der Zuschauer? Der bemerkt nichts davon. Er darf sich erfreuen an den tollen und immer variablen Bühnenbildern, an der großartigen Choreografie von Ballettdirektor Robert North, an der Musik. Kann sich kaputt lachen über die Spielzeug-Lokomotive, die einmal quer über die Bühne tuckert und so den Beginn des Eisenbahnausbaus markiert. Kann sich amüsieren über, ja, wieder Alessandro Borghesani, der – Grundgütiger – plötzlich Rücken hat. Der kurz darauf aber wieder zu alter guter Form findet.

Ja, es gab bei der Premiere jede Menge Szenenapplaus. Absolut verdient für diesen sehens- und erlebenswerten Ballettabend. Die enorme Leistung der gesamten Compagnie, die mit offensichtlicher Freude und voller geballter Energie tanzend die Geschichte Amerikas erzählte – vom 19. Jahrhundert bis in die Jetztzeit. Die Energie, die blieb nicht auf der Bühne, die schwappte in den Zuschauerraum, sie erfasste jeden.

Der Ovationen wollten am Ende gar nicht aufhören. Bravo-Rufe, anerkennende Pfiffe, begeistert aufspringende Zuschauer. Die Beteiligten durften sich zurecht freuen. Der Erfolg ist diesem Ballett sicher.

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