Mönchengladbach: Parodistisch Goebbels' Seelenwelt entlarvt

Schloss Rheydt : Parodistisch Seelenwelt von Goebbels entlarvt

Dass der aus Rheydt stammende Propagandaminister der Nationalsozialisten sich als Literat versuchte, wissen nur wenige. Parodien auf seinen Roman „Michael“ waren Thema beim Historischen Verein.

Joseph Goebbels schrieb Dramen, Novellen, einen Roman und Gedichte, die keinen Verlag interessierten. Im gescheiterten Maler Hitler glaubte der gescheiterte Dichter einen Erlöser zu erkennen. 1974 rezitierte Kabarettist Hanns Dieter Hüsch Goebbels Roman „Michael“ als Parodie, um das Psychogramm des Autors aufzuzeigen.

 Um die literarischen Ambitionen des einstigen Propagandaministers und die Reaktionen seines Umfeldes wissen vermutlich nur wenige. Auf Einladung des Historischen Vereins für den Niederrhein referierte Professor Ralf Georg Czapla, der in Heidelberg lehrt und in Erkelenz geboren wurde, im Rittersaal von Schloss Rheydt zu dem Thema. Damit reihte sich der Kultur- und Literaturwissenschaftler ein in die Liste der Vortragenden, die ihre Themen regional einbinden.

Czapla eröffnete seine Betrachtungen mit einem Blick auf den Umgang von Autoren mit nationalsozialistischen Politikern. Er verwies auf Thomas Manns Essay „Bruder Hitler“, das vom Minderwertigkeitsgefühl des gescheiterten Künstlers handelt, der auf das Minderwertigkeitsgefühl eines geschlagenen Volkes trifft. Die äußerliche Ähnlichkeit mit Hitler habe den vielseitigen Künstler Charlie Chaplin nachdenken lassen, inwieweit äußere Gegebenheiten aus dem Tramp einen Diktator hätten machen können. Über den Film „Der große Diktator“ habe der Schauspieler und Filmproduzent seine persönliche Auseinandersetzung in den öffentlichen Raum transportiert, betont Czapla. Es erstaunte nicht zu hören, dass Hitlers Beratern der Film zuwider war.

Eine antinationalsozialistische Parodie habe vor allem Goebbels gegolten, stellte Czapla fest. So habe etwa Kurt Tucholsky Goebbels Lautsprecherei als Kompensation für persönliche Defizite gewertet. Goebbels Roman mit dem Untertitel „Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern“ erzählt von einem jungen Mann, der als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg Schlimmes erlebt hat. Er studiert zunächst, wird dann aber Bergmann, um seinem Land besser dienen zu können, und kommt im Bergwerk ums Leben.

In Goebbels Roman sei das Nationale noch mit dem Religiösen vermischt. Die nationalsozialistische Phrase vom „heiligen Gewitterschwung“ beschreibe die Sehnsucht nach einem Umsturz. Das 1928 im parteieigenen Verlag erschienene Buch sei auf seine Weise ein Schlüsselroman. Zeitgenössische Rezensenten hätten allerdings weitgehend ignoriert, was der Roman über die psychische Verfassung seines Verfassers aussagt, führte der Referent aus.

Hüschs Beschäftigung mit Goebbels’ Buch fiel in eine Zeit, als viele Quellen noch unvollständig vorlagen.  Die Schallplatteneinspielung mit einer Rezitation des Romans als Parodie sei 1974 für den Kabarettisten ein nicht zu kalkulierendes Risiko gewesen, zumal das Cover des Originals beinahe identisch übernommen wurde. Hüsch habe die Form als Medium der Reflexion gewählt. „Alles sollte für sich sprechen und anders sein als der anklagende, mahnende Zeigefinger“, so der Heidelberger Professor. Am Hörbeispiel dokumentierte er, wie Hüsch Goebbels’ Werk über Intonation und Emphase entlarvt.

„Man merkt deutlich, je elaborierter Goebbels schreibt, desto parodistischer ist die Wirkung“, so der Referent. Er stellte fest: Hüsch hat Goebbels Handeln individual psychologisch plausibel gemacht.