Mönchengladbach: Ovationen für Pianist Severin von Eckardstein in Kiche Wickrathberg

Konzertauftritt in der Kirche Wickrathberg : Wirbelwind an der Klaviatur

Pianist Severin von Eckardstein erntete für sein Konzert beim Niederrhein Musikfestival in Wickrathberg Ovationen und Bravorufe.

„Auf Wegen der Romantik“ war das Konzert betitelt, das den 41-jährigen Düsseldorfer Pianisten Severin von Eckardstein in die pittoreske Architektur der evangelischen Kirche in Wickrathberg führte. Dass er das Romantische nicht bloß als Epochenbegriff versteht, machte der Gewinner des Brüsseler Concours Reine Elisabeth von 2003 klar, indem er auch Klavierwerke des 20. Jahrhunderts ins Programm nahm. Und mit Prokofjew sogar eine romantikfreie Zugabe wählte.

So erlebten die rund  100 Besucher im prächtigen Rokoko-Ambiente in zwei Stunden ein breites stilistisches Spektrum. Am Stutz-Steinway eröffnete von Eckardstein sein beim Niederrhein Musikfestival angedocktes Rezital mit vier Sätzen aus den aphoristischen „Fantasiestücken“, die Robert Schumann 1837 unter Einfluss des Dichters E. T. A. Hoffmann so betitelt hatte. Der Solist setzte einfühlsam die mehrfach umschlagende Stimmung der Piècen um, indem er zunächst behutsam die Akustik des Kirchenraums mit verhaltenem Pedaleinsatz prüfte, bevor er in „Traumes Wirren“  erstmals die Zügel losließ und in brillantem Galopp dahinstürmte. Darauf, dass Clara Schumann, Roberts Ehefrau und hochbegabte Pianistin, vor auf den Tag genau 200 Jahren geboren wurde, hatte vor Beginn Manfred Stadler, Vorsitzender des Festival-Fördervereins, extra hingewiesen.

Stilgeschichtlich konsequent schlossen sich zwei Intermezzi (aus den Klavierstücken op. 118) des von Schumann geförderten „Ziehsohns“ Johannes Brahms an. Besonders apart gelang die Wiedergabe des bezaubernden, liedhaft gebauten A-Dur-Stücks, bei denen von Eckardstein geradezu in die Klaviatur hineinzuhorchen schien.

Mit vier lyrischen Fragmenten von Nikolai Medtner rückte der Solist den in Deutschland wenig bekannten Moskauer Komponisten in den Fokus. Der 1921 vorübergehend vor der Oktober-Revolution nach Berlin geflüchtete Medtner gilt als „russischer Brahms“. Dabei stellte Eckardstein – hagere, schmale Statur, kerzengerade Haltung – dessen satirisch-verspielten Tonfall gekonnt heraus. Medtner, das war danach klar, sollte häufiger im Konzertsaal begegnen.

Als stilistischen Wegbereiter zu Leos Janáceks Streichquartett „Intime Briefe“ von 1924 skizzierte der 41-Jährige des Tschechen Klaviersonate  „1. Oktober 1905“: ein musikpolitisches Denkmal  von tiefer Empfindung für einen tschechischen Arbeiter, der bei einer Demonstration in Brünn erschossen wurde. Die Wehmut der sich wie durch Tränenströme tastenden Musik vermittelte sich besonders eindringlich im zweiten Satz, „Der Tod“.

Etwas blass dagegen blieben eine Mazurka und ein Nocturne von Frédéric Chopin. Den Tanzcharakter der Mazurka hätte man hörend gern intensiver miterlebt. Umso mitreißender gelangen die abschließenden fünf Stücke aus dem Opus 72 von Tschaikowsky. Hier bewies der Wirbelwind am Flügel, dass er nicht nur vornehmes Filigrangeklingel, sondern auch derb-rustikale Akzente zu setzen versteht. In „Einladung zum Trepak“ konnte man sich leicht bärtige Männer bei ihren markanten Hock- und Spagatsprüngen vorstellen. Es folgten Ovationen, worauf Severin von Eckardstein mit dem „Feuerzauber“ aus Wagners „Walküre“ die Zuhörer erneut in euphorische Stimmung versetzte.

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