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Mönchengladbach: Online-Kultur für Kurzentschlossene

Online-Kultur aus Mönchengladbach : Online-Kultur für Kurzentschlossene

Schauspieler, Musiker, Kabarettisten — alle müssen zu Hause bleiben. Aber das bedeutet nicht, dass sie untätig sind. Die unterhaltsamen und witzigen Ergebnisse ihres Arbeitens und ihres Probens sind online zu sehen.

Theater Mönchengladbach Das Theater ist geschlossen, aber das entbindet nicht vom Textlernen. Sobald der Betrieb wieder startet, wollen Intendant Michael Grosse und sein Ensemble bereit sein. Also: Text büffeln, Partituren lernen, Tanztraining nicht schleifen lassen. Was machen Theaterleute, wenn sie nicht auf die Bühne können? Sie suchen sich eine andere Plattform, um Zuschauer zu erreichen. Zum Beispiel einen Corona-Sonderkanal: Unter www.theater-kr-mg.de/corona/ gibt es täglich neue Szenen und Filmchen, ernste und kluge Gedanken, Erheiterndes und Hanebüchenes. Mit einem Klick ist man Zaungast im Garten, wo Henning Kallweit als Kult-Ross Patsy aus „Spamalot“ dressiert wird. Oder zu Hause bei Esther Keil, die ein französisches Chanson singt. Aus vielen Ecken, von Sofas, mit und ohne Begleitung von Haustieren schmettert einem „Always look on the bright side of life“ entgegen.

Ja, was macht ein Schauspieler, wenn er keine Rolle hat? Der Frage geht Schauspieler Philip Sommer nach. Rollenlos zu sein, ist ein Schicksal, das er niemandem wünscht. Da ist er im Bund mit Millionen Deutschen, die sich ebenfalls davor zu fürchten scheinen. Denn es geht ihm nicht um eine Rolle in einem Stück, sondern um die Rollen, die in den Supermarktregalen in diesen Wochen fehlen. Doppellagig, pardon: doppeldeutig, mitunter sogar visionär klingt mancher Text, wenn er durch die Corona-Brille gelesen wird. Das macht Michael Grosse deutlich, der einen Monolog des Theaterdirektors Emil Striese aus „Der Raub der Sabinerinnen“ rezitiert – ein Schwank, der 1884 uraufgeführt wurde und im November in Mönchengladbach Premiere hatte. Striese lobt mit selbstgefälligem sächselndem Tonfall den Wert des Theaters, vor allem seiner Truppe.

Denkanstöße oder praktische „Lebenshilfe“ wie Jannike Schuberts Anleitung zum Backen ohne Mehl, die mit Kollege Philip Sommer chattet und Überraschungsgäste präsentiert, geben dem Zuschauer neue Möglichkeiten, ihrem Ensemble nahe zu sein. Der Monitor gewährt Einblicke ins Private – er zeigt, dass Esther Keil die Klarheit weißer Wände liebt, und Philip Sommer Blumen in Karaffen stellt. Sonntags bei der virtuellen Live-Show „Backen ohne Mehl“ kann man sich vorstellen, dass viele auf ihrem Sofa sitzen und applaudieren. „Die erste Ausgabe war sehr erfolgreich. Einige Zuschauer haben den Kuchen nachgebacken“, sagt Dirk Wiefel vom Theater.

Lax Legere Musik, Gedichte und vieles mehr in kleinen Filmen verpackt findet man auf Facebook unter Lax Legere. Fado-Konzerte und Gedichtvorträge – dafür ist das Café an der Wallstraße bekannt. Jetzt gibt es die Künstler statt live online in einem kunterbunten Potpourri. Mit dabei sind Gedichtvorträge von Marion und Markus von Hagen. In einem ihrer Posts wird passend zur Lage „eine Reisewarnung“ von Eugen Roth rezitiert. In einem anderen Video gibt es eine schöne Version von „Uma Casa Portugesa“ mit Gesang und Gitarre von Suzana Pais und Inés Garça. Außerdem singt Graeme Jones seine persönlichen Versionen bekannter Songs. Von Miguel Braga sind Fado-Aufnahmen zu hören und zu sehen; in einer trägt der Gitarrist die Maske von Darth Vader. „Es sind Künstler aus Polen, Frankreich und Portugal dabei. Es geht darum, im Gespräch zu bleiben und die Leute weiterhin zu unterhalten“, sagt Daniela Pierzchala, die das Lax Legere führt. Die geplanten Programmpunkte der nächsten Monate seien vorerst verschoben worden: „Wir wollen es in der zweiten Jahreshälfte dann so richtig krachen lassen“, sagt Pierzchala.

Trude Backes Corinna-Ticker Hühnersuppe, Eierlikörchen und rheinischer Humor – das sind die Hilfsmittel, mit denen Trude Backes der Corona-Krise trotzt. Die Kunstfigur der Gladbacher Kabarettistin Monika Hintsches ist „on” und hat auf Youtube einen Kanal. „Ich habe sehr viel Zuspruch bekommen. Und Lachen stärkt die Abwehrkräfte”, sagt Hintsches.

Auf ihre eigene philosophisch-pragmatische Art beschäftigt sich Trude Backes nun online mit Corona und den Folgen. Sie beleuchtet die Klopapierrollen-Hamsterkäufe, die politische Lage im Allgemeinen, den Klimaschutz, die Rolle vom „Merkelchen”. In ihrer Paraderolle der Rheinländerin kommt Hintsches vom Hölzken aufs Stöcksken. Gern nimmt sie sich dabei selbst auf die Schippe, wenn sie sich das Gesicht zupflastert, weil der Arzt ihr die Allergiespritze per Blasrohr verpasst, sich für die Moral ein Eierlikörchen genehmigt und ein Plädoyer für den Nutzen von Hühnersuppe hält.