Mönchengladbach: Musikschüler beweisen viel Mut zur Kreativität

60 Jahre Musikschule Mönchengladbach : Musikschüler beweisen viel Mut zur Kreativität

Zum 60. Geburtstag der Einrichtung gab es keinen klassischen Unterricht, sondern vier Mottotage mit 84 außergewöhnlichen Workshops.

Eine Sekretärin an der afrikanischen Trommel, Schüler als Dirigenten, Trompeten aus Schläuchen, die Geige beim Spielen mit den Füßen halten – in der Musikschule war vier Tage lang alles anders. Lehrer, Schüler, Eltern und Gastdozenten zeigten von Montag bis Donnerstag bei den „Mottotagen“ zum 60-jährigen Bestehen, was für ein kreatives Potential in der Schule steckt. Statt dem üblichen Unterricht wurden 84 Workshops und Konzerte angeboten. „Es war eine Explosion der Kreativität, als wir das Korsett des regulären Unterrichts abgelegt haben“, sagt Musikschulleiter Christian Malescov.

Diese quirlig bunte Energie konnte jeder spüren, sobald er an einem der vier Tage ins Foyer der Musikschule kam. 1500 Teilnehmer machten mit.

Das sah aus der Ferne ganz schön kurios aus: Teil des Programms war auch das Pantomime-Spielen. . Foto: Bauch, Jana (jaba)

„Es ist Wahnsinn, was diese Musikschule rockt“, brachte es Anja Paulus, Gesangsdozentin der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf, auf den Punkt. Sie war bei den Mottotagen eine der zehn externen Dozenten, die Workshops leiteten. 15 Jahre alte Musikschüler waren genauso Lehrende wie Hochschulprofessoren.

Kreativ sein – das heißt immer auch, einen neuen Blickwinkel ausprobieren. Das zog sich als roter Faden durch alle Angebote.

„Sei mutig!“: Unter diesem Titel stand das Improvisationstheater an der Musikschule. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Neue Unterrichtsmethoden lernten Schüler etwa in dem Meisterkurs „Kunstlied“ mit Anja Paulus kennen. Sie leitete eine Probe mit fortgeschrittenen Gesangsschülern. Dabei bekamen die Schüler einen Einblick, wie intensiv an der Hochschule unterrichtet wird. Anja Paulus war von der Offenheit und den klaren, unverstellten Stimmen der jungen Sänger beeindruckt. „Bei einem zehnjährigen Jungen kamen mir bei der Abschlusspräsentation wirklich die Tränen“, sagt sie.

15 Musiker, die gemeinsam ganz ohne Noten spielen? Wie toll das klingen kann, erlebten die Teilnehmer des Workshops „Improvisationsorchester“. Dozentin war Angelika Sheridan von der Kölner Musikhochschule. Sie zeigte den Orchestermitgliedern eine Reihe von Handzeichen. Die Teilnehmer gingen hoch konzentriert mit und ließen gemeinsam frsche Musik entstehen.

Eine andere Perspektive einnehmen – das erlebten die Schüler bei dem Workshop „Dirigieren“ mit Kerstin Weuthen und Holger Busboom. Sie durften in die Rolle des Dirigenten schlüpfen und lernten, den Taktstock richtig zu schwingen.

Wie tamilische Geige gespielt wird, zeigte die 15-jährige Warshiya ihren Mitschülern – und zwar im Schneidersitz. Den Kopf der Geige stützt man auf den Füßen ab und stimmt zwei Saiten einen Ton höher. Gespielt wurde tamilische Musik, die für europäisch sozialisierte Ohren wackelig und leiernd klang.

Bei „Teatro senza parole“ mit Holger Busboom spielten die Teilnehmer mit weiß geschminktem Gesicht ein Theaterstück ohne Worte. Was sie sagen wollten, konnten sie bei der Aufführung am Ende sehr gut vermitteln – auch durch die Sprache ihrer Instrumente. Und wie man das Mundstück für eine Trompete mit dem 3D-Drucker herstellt, zeigte der ehemalige Musikschüler Stephan Reugels.

Lehrer unterrichtet Schüler – es geht auch anders. Es entstehen neue Begegnungen, wenn die gewohnten Rollen aufbrechen. Das erlebten die Teilnehmer des Gesangs-Workshops „Vocal break/Vocalpainting“ mit dem Kölner Chordirigenten Felix Schirmer. Chef, Lehrer, Verwaltungsmitarbeiter, Schüler, Eltern, externe Chorsänger und ein siebenjähriges Mädchen machten begeistert mit. Gemeinsam variierten sie mit Handzeichen eine Grundmelodie. Und die Kinder amüsierten sich, wenn ein Erwachsener den Einsatz vergeigte. „Diese Arbeit hat uns intensiv geschult, zu einem Organismus zu verschmelzen“, sagt der Kommunalbeamte Robert Metzen, der gekommen war, weil er in zwei Chören singt. Das findet er auch sehr hilfreich für die klassische Chorarbeit.

Bei dem Improvisationstheater-Workshop „Sei mutig!“ mit Lara Diez traten Eltern gegen Kinder an. Und bei „Weltmusik – Irland“ mit Joachim Küppers brachten drei Teilnehmerinnen den Musikern spontan irischen Stepptanz bei.

Die Schüler lernten ihre Lehrer als aktive Künstler kennen. Lara Diez und Sophie Szepanek gestalteten gemeinsam eine experimentelle Performance mit Tanz und Klaviermusik zu Musik von Max Richter. Bei „Concertos of my childhood“ stellten Musikschullehrer Lieblingsstücke aus ihrer Kindheit vor. Nicola Oltmanns zum Beispiel spielte das wüste, sehr witzige Stück „The voice of the crocodile“ auf der Bass-Blockflöte – und blökte, schnarrte, pfiff, zischte und trällerte dabei mit Inbrunst. Sabine Heiwolt als Direktorin des „Zirkus piccobello“ begeisterte durch die charmanten, gnadenlos übertriebenen Ansagen, die sie mit leuchtenden Augen vortrug.

Vor wenigen Wochen war die Musikschule wegen ihres Erfolgs beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ im Gespräch. In Nordrhein-Westfalen ist sie eine von 160 Musikschulen. Doch bei den Schülern aus NRW, die beim Bundeswettbewerb einen ersten Preis gewonnen haben, liegt sie weit vorne: Jeder Siebte kommt aus Mönchengladbach. „Das glaube ich sofort, wenn ich die Schüler und die Schule sehe“, sagt die Gesangsdozentin Anja Paulus. So ein offenes, innovatives, energievolles Klima sei der optimale Humus, um zu lernen.

Ob es eine Wiederholung der Mottotage geben wird? „Auf irgendeine Weise garantiert“, sagt Christian Malescov. Aber nun sind erst einmal Ferien – und die haben sich die Mitwirkenden verdient.

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