Mönchengladbach: Musiknacht in Erinnerung an Orgelweihe

Geburtstagsfeier für ein Instrument : Musiknacht in Erinnerung an Orgelweihe

Vor 35 Jahren wurde die Seifert-Orgel in St. Helena eingeweiht. Kantor Reinhold Richter feierte mit Gästen in den Ehrentag des Kirchenmusikinstruments hinein. Es gab ein umfangreiches Programm mit Podiumsdiskussion.

Es heißt, dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Bei Orgelfreunden ist dies offensichtlich so. Zum 35-jährigen Geburtstag der Seifert-Orgel an St. Helena feierte Kantor Reinhold Richter, unterstützt von musikalischen Gästen, mit Konzert, Musiknacht und Nachtgebet in den Ehrentag der Rheindahlener Königin der Instrumente hinein. Die Orgel war Solistin, Dialogpartnerin und Begleitung. Ebenso schwieg sie, so etwa zu den einfühlsam gestalteten Auftritten des von Andrea Richter geleiteten Blockflötenensembles St. Helena. Das umfangreiche Programm galt ebenso der Frage nach der Zukunft der Orgel in einer Zeit, in der die Zahl der Kirchgänger schwindet und viele Sakralbauten umgewidmet werden.

Der Auftakt der Geburtstagsfeier war stilistisch breit gefächert: Mit pfingstlichen Orgelwerken unter anderen von Bach, Cavazzoni und Messiaen sowie der Mönchengladbacher Erstaufführung von Enjott Schneiders Orgelsinfonie „Veni creator“ vollendete Richter eine auf Passion, Ostern und Pfingsten angelegte Orgeltrilogie. Das von Udo Witt geleitete Ensemble des Rheydter Knabenchores und der Mädchenkurrende an der evangelischen Hauptkirche beeindruckte mit der konzertanten Darbietung eines Evensongs in Anlehnung an eine Abendliturgie der anglikanischen Kirche.

Zu Witts Begleitung am Orgelpositiv gestalteten die Kinder und Jugendlichen einfühlsam und ausdrucksstark, die älteren Ensemblemitglieder unter den Jungen bereits im gut ausgebildeten Tenor und Bass. Claudia Sandig überzeugte in der sensiblen Gestaltung des Sopran-Solos von Mendelssohn-Bartholdys Hymnus „Hör mein Bitten“. Richter beschloss den Evensong im jubilierenden Orgelspiel, ehe Prof. Hans-Dieter Jakubowski das Wesen der Orgel aus persönlicher Sicht beschrieb.

Als Flüchtlingskind aus Ostdeutschland habe er 1948 in einer evangelischen Kirche zur katholischen Messe erstmals eine Orgel gehört und sei fasziniert gewesen, so Jakubowski. Er erzählte von der ihn prägenden Freundschaft mit dem Komponisten und Organisten Gerd Zacher, der einen wesentlichen Beitrag zur experimentellen Orgelmusik leistete. „Die Orgel ist die Seele in einer jeden lebendigen Kirchengemeinde“, so Jakubowski. In der Einführung zur Podiumsdiskussion berichtete er von einer bis in die Antike zurückreichenden Orgelkultur, die erst zögerlich, dann aber mit Macht in den Kirchen Einzug hielt.

Richter bekannte sich mit Blick auf die Zukunft der Orgel zur eher pessimistischen Haltung, sagte aber, dass das Instrument in Gottesdiensten und Grabeskirchen eine gewisse Bedeutung behalten werde. Der Bonner Professor Albert Gerhards stellte fest, dass zurzeit erstaunlich viele Orgeln gebaut werden, auch für Konzertsäle. Er forderte auf, Kirchenräume weiter zu denken und das Potenzial der Sakralbauten zu nutzen. Dann hätte die Orgel ihren Platz, auch unabhängig vom Gottesdienst. Udo Witt zeigte sich ebenso überzeugt, dass Musik in sakralen Räumen die Menschen auch weiterhin etwas finden lasse, was sie suchen. „Ich sehe eine Zukunft für die Orgel, vielleicht nicht so absolut in gottesdienstlichen Bereichen, aber in einer Kirche, die sich öffnet“, sagte Witt.

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