Mönchengladbach: Münsterchor St. Vitus ist einer der traditionsreichen Chöre

Mönchengladbach: Eine Sache der Erfahrung

Klaus Paulsen leitet seit 40 Jahren Chöre. Sein Münsterchor St. Vitus gehört zu den traditionsreichen in der Stadt.

„Das Eleyson ein bisschen mehr aufziehen. Und singt bitte ein richtiges O bei ´son´.“ Anweisungen wie diese gibt Chorleiter Klaus Paulsen fast jede Minute. Die gut 50 Sängerinnen und Sänger des Münsterchors St. Vitus sind an das konzentrierte Arbeiten bei der wöchentlichen Probe gewöhnt. An diesem Dienstagabend singt der Chor bereits fünf Minuten nach dem Beginn dreistimmig. Eine Sängerin muss wohl ihrer Nachbarin dringend noch etwas erzählen. Auf das Tuscheln der beiden reagieren andere Chormitglieder mit einem energischen „Sch-sch-sch!“. Trotzdem herrscht keine schulmeisterlich-strenge Atmosphäre. Es ist eher wie unter Geschwistern, die sich gut kennen. Der Umgang ist vertraut und herzlich. Und man merkt schnell: Hier sind Menschen zusammengekommen, die voller Elan gemeinsam Musik machen wollen.

Klaus Paulsen sitzt am Flügel und singt jeder Stimme ihren Part vor. Alle paar Sekunden wechselt er von Sopran zu Alt, Tenor oder Bass. Er singt auch die Solopartien und begleitet parallel alles am Klavier. Gleichzeitig hört er genau zu, wie gesungen wird, und reagiert auf kleinste Unstimmigkeiten. „Danke, stop, stop.“ Er klatscht in die Hände und bricht sofort ab, als ein Halbtonschritt nicht ganz sauber ist. Dann lacht er und erzählt eine kleine Anekdote. Ein Simultanübersetzer hat gegen ihn einen einfachen Job. „Das ist alles eine Sache der Erfahrung“, sagt Paulsen, der seit über 40 Jahren Chöre leitet und als Münsterkantor mindestens sechs Tage pro Woche musikalisch im Einsatz ist.

 „Wir sind kein Kaffeekränzchen, ich habe jede Probe genau durch getaktet“, erklärt er. Weil der Münsterchor einmal im Monat eine Messe im sonntäglichen Hochamt singt und zwei große Konzerte im Jahr gibt, muss er möglichst bei jeder Probe das geplante Pensum durchbekommen. „Klaus fordert viel von uns“, sagt Norbert Kleinendonk, der Vorsitzende des Münsterchors. „Aber er hat große Geduld und ist extrem einfühlsam und herzlich.“ Der Münsterchor habe einen besonderen Anspruch als traditionsreicher Chor der wichtigsten katholischen Kirche der Stadt. Schon 1834 wurde er gegründet.

Andrea Kubeile kommt jeden Dienstag aus Monschau zur Probe. Sie singt seit 25 Jahren mit. Warum sie so weit fährt? „Ich kenne sonst keinen Laienchor, der auf diesem Niveau singt“, sagt sie.

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In der Probenpause hat man dann doch das Gefühl, bei einem Kaffeekränzchen zu sein. Viele umarmen sich und halten sich über Neuigkeiten auf dem Laufenden. Eine Sängerin verteilt Eier von eigenen Hühnern aus einem Weidenkorb. Während manche herumgehen, bleibt ein älterer Herr sitzen. Hermann Deuster ist schon 96. Er singt seit 1932, angefangen hat er damals im Knabenchor des Münsters. Auch das macht den Charme dieses Chors aus: Hier sind junge und alte Menschen, der einfache Handwerker singt neben dem Geschäftsführer.

Während im Pfarrsaal Abtei geredet und laut gelacht wird, holt Paulsen von nebenan Noten aus dem Archiv. Hier stehen in wandhohen Regalen Noten im Wert von mehreren hunderttausend Euro. Der Chor singt teils noch Messen aus handgeschriebenen historischen Ausgaben.

Wie viele Chöre braucht der Münsterchor Nachwuchs. „Wer meint, dass er singen kann und Spaß daran hat, kann einfach kommen und es ausprobieren“, sagt Paulsen.

Charlotte Lorenz ist seit zwei Jahren dabei. Sie durfte schon nach ihrer zweiten Probe bei einer großen Messe mitmachen. „Ich habe einfach leise gesungen“, sagt sie und lacht. Sie schwärmt, wie unglaublich viel sie in den letzten zwei Jahren gelernt hat. Wie ein „gesungenes Gebet“ ist es für die gläubige Katholikin, religiöse Lieder zu singen. „Das geht mir ganz anders nahe, als wenn man die Worte spricht.“ Wenn der Chor zum Beispiel etwas von Johann Sebastian Bach singt, „dann habe ich das Gefühl, dass die Stimmen zum Himmel schweben“. Nach der Probe geht sie oft wie auf Wolken nach Hause. „Dann kreist die Musik noch lange in meinem Kopf.“

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