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Mönchengladbach: Lesung mit Daniel Schulz in der Stadtbibliothek

Lesung in Mönchengladbach : Daniel Schulz spricht über seine Dorfjugend in Ostdeutschland

Der Autor wuchs in einem Dorf in Brandenburg auf und erlebte als Jugendlicher Gewalt durch Neonazis. Trotzdem traf er sich mit Rechten. In der Stadtbibliothek las er aus seinem Roman „Wir waren wie Brüder“, in dem er seine Erlebnisse verarbeitet hat.

Die Sprache sei in Teilen durchsetzt von verbotenen Worten.  Doch der Autor habe sich bewusst dafür entschieden, um auch so Brutalität auszudrücken, merkte Peter Brollik in Hinführung zum Debütroman von Daniel Schulz an. Mit dessen Buch „Wir waren wie Brüder“ sollen die analogen Lesungen des Fördervereins der Stadtbibliothek „Lust am Lesen“ erneut durchstarten. Peter Brollik begrüßte den Journalisten Daniel Schulz, Leiter des Ressorts Recherche bei der „Taz“ (Die Tageszeitung), in der Stadtteilbibliothek.

Der 1979 in Potsdam geborene Gast wuchs in einem brandenburgischen Dorf auf. Sein Debütroman ist in der brandenburgischen Provinz und „im politischen Vakuum der Nachwendezeit“ verortet. Der Protagonist, zum Zeitpunkt der Revolution in der DDR zehn Jahre alt, wächst in einem Umfeld auf, das alles Weiche und Sensible als unmännlich abtut. Der langen Haare wegen wird er von Neonazis verfolgt, und trifft sich doch mit Rechten.

„Ich habe den Roman konsequent aus der Haltung des Ich-Erzählers angelegt. Ich wolle, dass Leser sich fragen: ‚Was hätte ich getan?‘. Mitläufertum wollte ich nachvollziehbar machen“, sagte der Autor. Zugleich betonte er mehrfach, dass ein jeder auch unter schlimmen Umständen eine Wahl für sein Handeln habe. Schulz las drei Ausschnitte vor. Für das Kapitel „Prügelhose“ traf Brolliks Vorbemerkung zur Sprache im besonderen Maße zu. Es geht um körperliche Bedrohung unter Jugendlichen und die allgemeine Präsenz von Gewalt im ländlichen Umfeld der Hauptfigur. Ein weiterer Ausschnitt schildert die schlafenden Gäste im elterlichen Haus aus Sicht des Jugendlichen. Dessen Betrachtungen decken die Probleme von Menschen auf, die sich nach dem Verlust vertrauter Strukturen auf ein neues System einstellen müssen. Schulz beschloss die Lesung mit dem Kapitel, das die Hauptfigur als 16-Jährigen mit dem Wunsch nach einer Beziehung zur gleichaltrigen Mariam beschreibt.

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Die vorgelesenen Passagen waren eingebunden in ein Zwiegespräch zwischen Gast und Gastgeber. Am meisten habe ihn die Prügelei ohne politischen Hintergrund erstaunt, bekannte Brollik zum Einstieg. Für ihn stelle sich die Frage, ob Vorstellungen von Männlichkeit zwischen Ost- und Westdeutschland verschieden gewesen seien oder auf Projektionen basierten. Klaus Theweleits Buch „Männerphantasien“ habe er nicht gelesen, sagte Schulz.

Doch er stimme zu, der Erzähler seines Romans nehme wahr, dass Männer einen Statusverlust schwerer verwinden könnten als Frauen. Das Gespräch über den Roman war geprägt vom Austausch über politische und gesellschaftliche Entwicklungen vor und nach der Wende. Der Bruch bekannter Strukturen lasse nicht Rechtsextremismus entstehen, lege diesen aber frei, betonte Schulz. Mit „Mariam“ habe er seinem Helden eine Figur zur Seite gestellt, die ihm zeigt, dass es nicht nur seine Welt gibt.