Mönchengladbach: Lax Legere hat die kleinste Bühne der Stadt

Lax Legere: Die kleinste Bühne in Mönchengladbach

Früher war das Lax Legere ein Friseursalon. Seit 2014 ist es ein Café - rund 80 Veranstaltungen fanden auf der nur 150 Zentimeter breiten Bühne schon statt. Sogar Oscar Wilde ist einmal im Jahr zum Geburtstag des Cafés zugegen.

An den beiden Tischchen draußen macht die kühle Morgenluft es sich bequem. Drinnen hat das Sofa Schluckauf. Nur mit einem entschiedenen Ruck kommt der Gast aus dem tiefen Polster heraus. Wenn er denn überhaupt will. Im Höfchen spiegelt die Wand das helle Gelb der Sonne. Gerade kühlt dort ein Kirschstreuselkuchen gelassen ab. Noch ist Frühstückszeit an diesem Samstag.

Anja Enger sieht Laura an, die hebt erwartungsvoll den Kugelschreiber: „Ach, sag in der Küche einfach: ein bisschen Antipasti und Klaus.“ Laura fragt nicht nach und entschwindet. Klaus sitzt neben Anja im Sessel. Er kommentiert: „Daniela weiß Bescheid.“ Die Eheleute Enger kommen häufig ins Lax Legere an der Wallstraße, erzählt Klaus Enger: „Wir sehen uns nicht so oft in der Woche. Am Wochenende genießen wir daher die Ruhe“, seine Worte räkeln sich genüsslich, „und unser zweites Wohnzimmer“. Seine Frau vergleicht die Atmosphäre mit der Wiener Caféhauskultur: „Das Lax ist eine Oase. Hier kannst du einen ganzen Nachmittag mit einem Buch zubringen.“

Das mit dem Wohnzimmer, empfindet auch Melanie Kuhlen, die neben ihrer Oma Inge sitzt und nur Augen für ihren gerade servierten Teller hat: „Ein Traum wird wahr.“ Vor ihr liegt ein Sandwich „mit Erdnussbutter und Erdbeermarmelade“. Bevor sie hinein beißt meint sie noch: „Wo findet man das, dass man die ausgestellten Dinge auch kaufen kann?“ Sie wirft dabei einen Blick über die verschiedenen Wohnaccessoires, den Schmuck aus Kuchengabeln, den Büchern, Bildern und Postkarten. „Es gibt nichts Vergleichbares“, nickt Melanie Kuhlen, und meint damit nicht allein die Speisekarte, sondern das Kulturprogramm des Lax Legere: „Das ist querbeet. Für jeden ist etwas dabei.“

Das Kulturprogramm: eine ganz eigene Erfolgsgeschichte. Die Daniela Pierzchala immer noch nicht so recht fassen kann. Und das trotz gut 80 Veranstaltungen in nicht ganz vier Jahren. Auf einer Bühne, die es so gar nicht gibt. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Im Grunde ist es lediglich die Fläche zwischen dem altem Küchenschrank und dem Heizkörper.

Und den knapp 150 Zentimetern bis zur Kante des massiven Couchtisches. Die „Bühne“ reicht dennoch; auch schon mal für fünf Musiker. Immer, wenn Veranstaltung ist, wird das Lax umgeräumt. Aus dem Café wird dann wahlweise eine Studiobühne, ein Kabarett oder ein Musikclub.

Auf dem Aufsteller einer Getränkefirma steht schwarz auf weiß und mit der Hand geschrieben das aktuelle Programm: Es reicht vom Theologischen Kabarett, über eine Ovid-Lesung, einem Fado-Abend, Schlager, Swing & Schnulzen, einem Abend über die Liebe, dann dem Folk-Duo Broken Biscuits, bis hin zum Weihnachts-Blues mit dem Trio „Hier geht was“.

Das meint Frau Kuhlen also mit „nichts Vergleichbares“. Das Auswahlkriterium für das Lax-Programm ist denkbar einfach: „Wir zeigen nur, was uns selbst gefällt und Spaß macht.“ Ganz besonders freut sich Café- und Kulturmacherin Daniela Pierzchala auf die Oscar-Wilde-Lesung am 20. Juni: „Die schenken wir uns in jedem Jahr zum Geburtstag des Lax, eröffnet am 1. Juli.“ Denn den Oscar und seine Gedichte mögen sie und ihr Mann gleichermaßen. Der britische Autor und Dandy ist so etwas wie der Schirmherr und Schutzpatron des Cafés: „Sein Bild war das erste, das wir aufgehängt haben.“

Rund ein Jahr haben sie und ihr Mann an dem Konzept des Cafés gefeilt, ganz professionell mit Businessplan: „Mit einem kleinen Weihnachtskonzert 2014 fing es an. Und schon die erste Lesung damals ist eingeschlagen wie eine Bombe.“ Das Lax Legere war früher ein Frisörsalon. Und die Vermieter mussten erst in mehreren Gesprächen von der Idee eines Kulturcafés überzeugt werden, „aber seither kommen sie sehr oft zu unseren Veranstaltungen.“ Wie auch viele aus dem Publikum, viele Stammgäste, nicht unbedingt aus der Stadt sind.

Mit dem Gedanken, ein Café zu eröffnen, trug sich Daniela Pierzchala schon lange. Da wohnte sie noch im Hessischen. Ein Café für Mütter mit kleinen Kindern sollte es werden. Daraus ist aus verschiedenen Gründen nichts geworden. Den Namen für das Café hatte sie schon damals. Er setzt sich aus den Vornamen ihrer Tochter Laura und ihres Patenkindes Max zusammen: „So sind die Beiden immer bei mir. Außerdem hat die Kombination aus Lax und Legere was.“ Im Café steckt also viel Persönliches. Das beginnt schon bei der Einrichtung. Selbstredend. „Als ich das Ladenlokal sah, wusste ich sofort, wie alles aussehen wird“, erinnert sich die 45-Jährige. Die Möbel haben sie und ihr Mann in den Niederlanden gefunden, auf Flohmärkten, aber auch im Internet.

Daniela Pierchala ist das Café und das Café ist ein Stück aus der Seele und dem Herzen der Betreiberin. Auch in diesem Sinn stimmt die Einschätzung von Melanie Kuhlen, dass es in der Region „nichts Vergleichbares“ gibt.

Und was die Bestellung von Anja Enger betrifft – „ein bisschen Antipasti und Klaus“. Daniela Pierzchala weiß tatsächlich genau, was gemeint ist: „Klaus ist der einzige hier, der sein Sandwich mit Cheddar-Käse isst.“

(akue)