Mönchengladbach: Kritik zur Inszenierung "Der Tod und das Mädchen" durch Rafat Alzakout

Theater-Studio Mönchengladbach : Was Menschen Menschen antun können

Der Syrer Rafat Alzakout inszeniert das Stück „Der Tod und das Mädchen“ des Chilenen Ariel Dorfman fürs Theater-Studio. Ein fast unaushaltbarer Theaterabend.

Dass wir im Theater sitzen, kriegen wir gleich mit voller Dröhnung um die Ohren. Die schnellen Beats knallen aus den Boxen, Ronny Tomiska brüllt im Stil eines Showmasters seine agitierenden Sätze den Zuschauern in der ersten Reihe via Mikrofon direkt unter die Gürtellinie. Hier geht gleich eine fette Show ab. Die drei Schauspieler, die gerade noch mit uns im Foyer standen, pushen sich auf. Bühnennebel wabert.

Ein Glashaus, eingerahmt von einem Vorhang aus durchsichtigen Hüllen, in denen Mädchen- und Frauen-Kleider an Bügeln hängen, bilden mit der Bühne ein Quadrat, an das sich von zwei Seiten Stuhlreihen drängen. Kalt, sachlich schwarz und weiß. Eine Versuchsanordnung. Emilie Cognard hat mit ihrer Bühne den Vor-Spielraum des Mönchengladbacher Theaterstudios in einen Mit-Spielraum verwandelt, die Akteure haben reservierte Plätze im Publikum. Denn des Exil-Chilenen Ariel Dorfmans bekanntes Stück „Der Tod und das Mädchen“, das in den 19990ern mit Starbesetzung von Roman Polanski verfilmt wurde, soll in der Sicht des syrischen Regisseurs Rafat Alzakout noch einmal seine schier unerträgliche Wirkung entfalten.

Es geht um sehr viel. Vordergründig um Folter. Was sie mit den Opfern macht, den Tätern, dem Staat, in dem sie stattfindet oder stattgefunden hat und jetzt aufgearbeitet wird, um Diktaturen. Hier die Frau, vor vielen Jahren Opfer, der Mann, frisch in der neuen jungen Demokratie mit der juristischen Aufarbeitung der Folter beauftragt, der Doktor, zufällig in dieses Leben geraten, von der Frau erkannt, gefesselt, misshandelt, zum Geständnis genötigt. Es geht um das, was Menschen Menschen antun können. Um Gewalt, die Gewalt erzeugt. Um Moral und die Unmöglichkeit, moralisch zu sein in einer unmoralischen Welt. Um das Dilemma des Menschseins. Vielleicht sogar um Gott.

Wenn Regisseur Rafat Alzakout Adrian Linke als Doktor mit einer Kerze in der Hand, Glitzerschuhen und einer Windjacke, an die zwei weitere Ärmel genäht sind, ins Leben des Ehepaars treten lässt, dann weist er vielleicht in jene metaphysischen Sphären, in denen Engel zu Hause sind. Auf jeden Fall aber – und das ist das die prägende Idee der Inszenierung – zieht er dem realistischen Bühnengeschehen den Boden unter den Füßen weg. Denn so ziemlich alles, was in den 110 Minuten erzählt wird, soll sich nicht bequem in ein „Ja, so war das“ ablegen lassen.

Alzakout transformiert die Geschichte mit exzessivem Einsatz von Mikrofon und  Live-Kamera, drastischem Kostüm und bis an die Grenzen gehende Entblößung der Schauspieler in eine unklare, irritierende Wirklichkeit, die um so mächtiger die Themen des Abends aufs Tapet bringt. Nele Jung entäußert grandios größte Verletztheit, ihr Partner Ronny Tomiska hat sich die Rolle des Intellektuellen, dem seine Denkgebäude um die Ohren fliegen, eindringlich zurechtgelegt. Adrian Linke ist diese ambivalente Doktor-Gestalt, der etwas Aalglattes ebenso eigen ist wie Brutalität und Naivität. Bis zum Schluss bleibt seine Täterschaft als Folterknecht infrage. Ist sein sprachloser, würgend gurgelnder Zusammenbruch ein Geständnis? Das spielt ebenso wenig eine Rolle wie der entsühnende Kuss der Frau, mit der das Stück in den von Schuberts titelgebendem Streichquartett-Satz untermalten Abspann übergeht.

Wir sitzen im Theater, zugegeben. Aber über die Monitore laufen arabische Namen. Landsleute des Regisseurs? Folteropfer? Da hört Theater auf.