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Mönchengladbach: Kozert thematisiert Tagebau Garzweiler II

Konzert in Mönchengladbach : Der Tagebau als Musik

In „Sold out Land“ bringen das Jugendsinfonieorchester und das Byggesett Orchestra den Braunkohle-Tagebau Garzweiler II auf die Bühne. Das Thema könnte aktueller nicht sein.

Am Morgen nach dem Konzert am 30. Oktober ist eine große Demonstration in Lützerath angemeldet. Dieses Dorf soll als nächstes dem Tagebau Garzweiler II weichen. „Sold out Land“ ist ein gemeinsames Projekt des Jugendsinfonieorchesters der Musikschule, der Band „Byggesett-Orchestra“ und des Videokünstlers Jörg Pispers.

Es hat im Nachklang der Ensemblia ein politisches Thema, das tagesaktueller nicht sein könnte: den Braunkohle-Tagebau Garzweiler II.

Vor wenigen Wochen war die weltbekannte Klima-Aktivistin Greta Thunberg in Lützerath. Zwei Tage nach dem Konzert, ab dem 1. November, sollen die Bäume im Lützerather Forst gefällt werden. Dort leben Menschen aus Protest in Baumhäusern. Es werden Konflikte erwartet.

Für das Jugendsinfonieorchester gilt: Originell ist Standard. Regelmäßig lotet es mit musikalischen Experimenten seine klanglichen Möglichkeiten neu aus. „Für die Schüler sind gerade die unkonventionellen, etwas verrückten Konzerte oft unvergesslich“, sagt Musikschulleiter Christian Malescov, der das Orchester dirigiert. Doch so politisch wie „Sold out Land“ war noch kein Programm.

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Der Abend sei nicht wie ein Protestsong mit Gitarrenbegleitung, stellt Malescov klar. „Ich bin auch kein Politiklehrer. Mein Job ist, den Kindern einen ordentlichen Klang beizubringen.“ Für ihn sind das tiefe Loch, die Umsiedlung von Dörfern und auch die hoch emotionalen Konflikte gegebene Tatsachen. „Darin stecken so tiefgreifende menschliche Themen wie in einer großen Oper. Unsere Aufgabe ist, sie in Bildern und Klängen zu beschreiben.“ Aber die Meinung dazu bleibe jedem selbst überlassen.

„Wir wollen berühren, nachdenklich machen, aber keine platte Propaganda“, sagt auch Georg Sehrbrock, der die Musik federführend komponiert hat. Ihn reizt die Zusammenarbeit mit dem jungen 70-köpfigen Orchester sehr, weil ein Sinfonieorchester das größte Ausdrucksspektrum hat. „Da haben wir die ganze Farbpalette, wir können mit dickem Pinsel malen.“

Sehrbrock ist viele Male mit dem Fahrrad in die vom Abriss bedrohten Dörfer gefahren und hat dort intensive Gespräche mit den Bewohnern geführt. Während des Konzerts werden Original-Zitate von seinen Gesprächspartnern eingespielt. Angesichts der hohen Aktualität des Themas wollen die Macher kein starres Konzept, sondern Spielraum. Es gibt vor dem Konzert nur eine gemeinsame Probe. Was genau an dem Konzertabend passieren wird, ist offen. Der Video-Künstler Jörg Pispers wird mit Filmmaterial vom Tagebau zur Musik improvisieren. Malescov hat sein Orchester schon ermahnt: „Bitte starrt nicht die ganze Zeit auf die Leinwand, sondern in eure Noten!“

Die Band „Byggesett-Orchestra“ verbindet Minimal Music mit Rock, Punk und Jazz zu elektronischen Klängen. Das Konzert beginnt mit der Eigenkomposition „Liza M“. Das Stück erzählt von der Stimmung in der Landschaft rund um den Braunkohletagebau – mit sphärischen Klanglandschaften und treibenden Rhythmen.

Opernhaft wuchtig geht es weiter mit dem Jugendsinfonieorchester und der „Coriolan-Ouvertüre“ von Ludwig van Beethoven. Auch darin geht es um Menschen, die um ihre Heimat kämpfen. Beethoven entfaltet aus dem Thema einen musikalischen Konflikt, der wie maßgeschneidert für diesen Abend ist.

„Sold out Land“ ist bildstark wie Filmmusik. Es beginnt harmonisch mit einem Ländler-Thema der Holzbläser. Aber Trompeten kündigen Dramatik an, die Streicher werden „mollig“. Ein verzerrtes Schlagzeug suggeriert Maschinengeräusche. Zwischendurch wird es schicksalsträchtig wie bei Wagner, dann wie im Horrorfilm. Aber am Ende scheint eine friedlich grasende Kuh auf einer Wiese an der Abbruchkante zu stehen.

„Ich finde spannend und cool, bei so einem aktuellen Projekt mitzumachen“, sagt die 17-jährige Klarinettistin Charlotte Becker. „Viele haben nur Passiv-Wissen über Garzweiler. Vielleicht ist diese Musik eine Gelegenheit, sich mehr Gedanken zu machen.“

Info Das Konzert „Sold out Land“ findet am Samstag, 30. Oktober, um 20 Uhr in der Kaiser-Friedrich-Halle statt. Der Eintritt kostet 10 Euro/4 Euro. Kartenvorbestellung unter musikschule@moenchengladbach.de und an der Abendkasse. Es gelten die  3G-Regeln. Videotrailer: youtu.be/bWu6-5NFxG0