Kabarett vom Feinsten in Mönchengladbach Schroeders „Neustart“ bringt Publikum ins Grübeln

Mönchengladbach · Der Kabarettist stellte sich als Kanzlerkandidat für 2025 vor mit einem glaubhaftem Parteiprogramm. Ob man ihn wählen sollte oder lieber nicht?

 Rhetorisch gekonnt platzierte Florian Schroeder seine Pointen.

Rhetorisch gekonnt platzierte Florian Schroeder seine Pointen.

Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)

So kann gute und intelligente Unterhaltung aussehen: Der Zuhörer kommt angesichts der herausfordernden Themen der Welt zum Grübeln, aber auch zum befreienden Lachen. Er wird an der Nase herumgeführt, aber mit allem Respekt.

Der in Berlin lebende Kabarettist Florian Schroeder war mit seinem Programm „Neustart“ zu Gast im Theater im Gründungshaus. Die Frage, wo ein Neustart beginnen könne, war schnell beantwortet. In Berlin, von Schroeder „Babylon Berlin 2023“ genannt. Er ließ sich genüsslich über die Wahlpannen aus, schaffte es, anlässlich der später aufgefundenen Briefwahlzettel Spitzen gegen den neuen Flughafen oder die Sicherheit von Großaquarien einfließen zu lassen. Franziska Giffey ließ er über ein Video zu Wort kommen, und auch den Ex-Kanzler und seinen Namensvetter Gerhard Schröder.

Die Gäste des Tig bekamen einen kurzen, sehr nachdenklich stimmenden Vortrag in Bezug auf die Grenzen der Diplomatie zu hören. „Wir Deutschen haben ein unfassbares Talent, immer die größten Idioten nicht provozieren zu wollen“, sagte er nicht nur im Hinblick auf Putin, sondern auch auf Querdenker, die sich durch die Masken provoziert gefühlt hätten. Harte Kost. Auch Alice Schwarzers Beweggründe ihres Feminismus wurden kritisch hinterfragt, ja eigentlich dekonstruiert – der Zuhörer kam ins Grübeln.

Dramaturgisch geschickt schwenkte Schroeder auf leichtere Themen wie die sozialen Medien, deren Inhalte für den „Untergang des Abendlandes“ verantwortlich seien.

Und dann gestand er, dass er seine Karriere als Kabarettist beenden und stattdessen die Partei „Neustart“ gründen und als Kanzler antreten wolle. Was folgte, war eine erschreckende Verführung: In bester Rhetorik legte Schroeder ein glaubhaftes Parteiprogramm mit den besten Absichten vor: Steuergerechtigkeit, Investitionen in die Bildung und den Klimaschutz mit den überzeugendsten Maßnahmen, bedingungsloses Grundeinkommen und so weiter. Fast wollte man sich wünschen, dass es wahr sei, da schwenkte Schroeder langsam und freundlich auf eine Abschaffung der Demokratie zu. Und das Lachen blieb den Zuhörern im Halse stecken.

„Man muss die Welt verrücken, um nicht an ihr verrückt zu werden“ – ein Schlusswort, das die Gäste nach zwei Stunden mit einem Gefühl verabschiedete, nicht ganz hilflos in einer Welt voller heftiger Herausforderungen zu sein.

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