Mönchengladbach: „Jin Jiyan – Der Aufbruch“ hat Premiere im Theater

Premiere in Mönchengladbach : Widerstand der jesidischen Frauen

In der Inszenierung „Jin Jiyan – Der Aufbruch“ setzt Regisseurin Anina Jedreyko auf Perspektivwechsel. In der Studiobühne ist das eindringliche Spiel ergänzt um Filmsequenzen und Live-Musik.

Durch das beherrschende Requisit einer Wand geht ein Riss. Er bohrt sich als Graben ein in die darauf projizierte Ansicht zerstörter Häuser in menschenleerer Region. In der Enge der Studiobühne sind die Besucher mit dem Anblick unmittelbar konfrontiert, während Musik atmosphärisch an die sicherlich auch an diesem Ort gelebte Kultur erinnert. Live-Musik und mediale Szenografie sind zwei von drei Ebenen in der Stückentwicklung der Regisseurin Anina Jendreyko. Für die Aufführung „Jin Jiyan – Der Aufbruch“ verarbeitete sie Recherchen in Shengal und Südkurdistan. Mit Elementen des dokumentarischen Theaters lässt sie Erinnerungen Betroffener rekapitulieren. Erzählt wird von Gewalt, Verschleppung, Flucht und der Religion der Jesiden. Emotionale Monologe und Szenen ergänzen die Darstellung vom Leben insbesondere der Frauen im Nord-Irak. Beteiligt sind Ensemblemitglieder des Theaters wie auch jesidische und kurdische Künstler.

Nähe und Hinwendung zum Publikum sind durchgehend betont. „Wir sind in Shengal“, sagt zu Beginn eine Stimme und erzählt von unglaublicher Zerstörung. Eine zweite bekennt, das Gesehene kaum als Realität fassen zu können, während eine dritte fragt, was mit den Menschen werde, die im solchen Chaos aufwachsen. Es ist, als käme die Betroffenheit aus den Reihen der Zuschauer. Denn dort wie auch zu deren Seiten wählen die Schauspieler einen Platz. Fortan wechseln sie Standort, Rollen, Blickpunkte: Perspektivwechsel ist ein zentrales Element der Regiearbeit und spiegelt sich in der engen Verknüpfung von Schauspiel, Film und Musik. Das Trio mit Suleymann Carneva, Sosin Elenya und Metin Yilmaz bindet eindrucksvoll die Musik der Heimat ein. Die Stimmen der Sänger bergen ausdrucksstarke Kraft, häufig mit der Anmutung von Klage und Gebet. Es ist an den Schauspielern Adrian Linke, Vera Maria Schmidt, Eva Spott und Hevin Tekin, die rückwärtige Wand über Verschiebung und Umstürzen symbolisch und szenisch neu zu definieren, etwa als Andeutung des rettenden Korridors zwischen den Fronten der IS-Kämpfer. Durchgehend ist die Wand Projektionsfläche für Filme und Fotos und ihr fragmentarischer Charakter Indiz kriegerischer Zerstörung. Im Dialog der Darsteller mit Protagonisten der Filmsequenzen sind Grenzen zwischen Realitätsebenen aufgehoben.  Mitunter nehmen die Darsteller ihren Platz ein vor Bildern, werden Teil davon.

Hevin Tekin zeichnet im ergreifenden Monolog den Schrecken der Flucht vor den Kämpfern des IS. Im Wechsel mit Spott und Schmidt gibt sie dem Leid der verschleppten und misshandelten Frauen ein Gesicht. Das ist ergreifend, erschütternd. Ebenso berührend gestaltet sie den Aufbruchwillen der Frauen, die den Neubeginn mitgestalten wollen. Spott, Schmidt und Linke sind Vermittler von Erlebnisberichten, Beobachter und haben Teil an wechselnden Konstellationen von Begegnungen. Linke ist etwa verständnisvoller Ehemann, besorgter Vater einer Freiheitskämpferin und Besucher aus fernem Land. Tatsächlich begleiteten die beteiligten Ensemblemitglieder die Regisseurin auf einer ihrer Reisen in den Shengal. Die darüber entfachten Gedanken fließen ebenfalls ein. Das Finale ist im Besinnen der Frauen auf ihre Kraft optimistisch. Doch es bleiben Fragen zur Wahrnehmung der Ereignisse aus der Ferne. Sie schwingen im Raum, rhetorisch gestellt und begleitet vom eindringlichen Blick der Künstler.

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