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Mönchengladbach: Endlich wieder Theater vor Publikum

Nach Streaming jetzt wieder real : Endlich wieder Theater vor Publikum

Unter strengen Hygieneregeln und mit nur begrenzter Zuschauerzahl wurde das Stück „Wilhelm Tell“ aufgeführt. Mit Friedrich Schillers Drama als Live-Hörspiel gelang im Theater in Rheydt ein packender Wiedereinstieg ins analoge Theaterprogramm.

Beim ersten Theaterabend durch Corona diktierter Zwangspause choreographiert das Virus den Ablauf vor der künstlerischen Leistung. Im spannenden Paradoxon ist der Weg zur Aufführung des Mythos vom Freiheitshelden „Wilhelm Tell“ streng vorgegeben und nur mit Mund- und Nasenschutz passierbar. Vor der Live-Version wurde die Inszenierung per Videostream übertragen. In der analogen Welt weist vor dem Portal eine Mitarbeiterin des Hauses mit freundlicher Geste zum ersten Stopp am Desinfektionsspender.

Ohne das vertraute Bild zusammenstehender Gruppen wirkt das Foyer seltsam leer. Keiner reißt an den Türen zum Saal die online erworbenen Tickets ein. Auf Zuruf werden Stuhlreihe und Platznummer erfragt und die Besucher bis zur zugedachten Reihe geführt. Paare aus einem Haushalt dürfen nebeneinander sitzen und sind daher in der auf Abstand angelegten Sitzordnung leicht auszumachen. Erst vor Beginn des Schauspiels in der Bearbeitung von Matthias Gehrt und Thomas Blockhaus dürfen die Masken abgelegt werden.

Knapp 50 Besucher erleben zunächst eine Spiegelung der eigenen Situation zuvor. Elf Ensemblemitglieder betreten einzeln und mit Schutzmaske die Bühne, desinfizieren ihre Hände, nehmen Platz an einem der im großzügig angelegten Halbrund stehenden Tische und legen erst dort die Masken ab. Sie sind schwarz gekleidet ins Licht gesetzt, alles andere scheint die Dunkelheit zu verschlucken. Im gleichbleibenden Szenarium entfaltet das Ensemble im Wesentlichen über die Stimme ein Kopf-Kino von mitreißender Dynamik.  Gewalt, Verzweiflung, Aufbegehren und Reflexion werden über reich differenzierte Nuancen und expressive Ausbrüche greifbar. Die real vorgegebenen Distanzen zwischen Darstellern scheinen nicht zu existieren.

Intendant Michael Grosse verkörpert das gnadenlose Gebaren des Reichsvogts. Paul Steinbach ist als Wilhelm Tell besorgter Vater, Rächer und reflektierender Mensch. Henning Kallweit schreit die Verzweiflung des Arnold von Melchtal heraus. York Ostermayers eingespielte Musik wirkt atmosphärisch verdichtend.

Am Ende dankt das Publikum mit langem Beifall. Begeistertes „Bravo“ dringt durch. Zuschauerin Helga Wilhelm ist wie elektrisiert. Die Abonnementbesitzerin hat den realen Theaterbesuch in den zurückliegenden Wochen sehr vermisst. „Ich habe mich unheimlich gefreut, dass ich das heute wiederhaben durfte. Ich habe alles aufgesogen. Noch nie habe ich das Stück so eindringlich erlebt und mich ganz auf das Sprechen konzentriert“, schwärmt sie. „Das Drama erscheint nicht uralt, sondern hoch aktuell in Fragen zur Umweltverschmutzung. Man denkt an Greta Thunberg. Sie habe sich bei diesem Theaterbesuch sicher gefühlt, von den Mitarbeitern des Hauses gut begleitet, sagt die Besucherin. Nach dem Entzug hat sie die nächsten Theaterabende fest eingeplant.