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Mönchengladbach: Dieter Nuhr spricht über seine Ausstellung in der Galerie Löhrl

Interview mit Dieter Nuhr zur Ausstellung in Mönchengladbach : „Die ganze Welt ist mittlerweile unsere Heimat“

Der Kabarettist und Autor fotografiert gerne auf seinen Reisen. Die in China, Indien, Vietnam oder Iran entstandenen Bilder sind noch bis Mitte Juli in der Galerie Löhrl in Mönchengladbach zu sehen.

Am 24. März sollte die Ausstellung „Bilder von Zeit und Raum“ mit Fotografien von Dieter Nuhr in der Galerie Löhrl eröffnet werden. Sie entstanden während seiner Reisen nach China, Indien, Viet­nam oder in den Iran. Etwa sechs Wochen hingen die Bilder in menschenleeren Räumen, nun kann die Ausstellung wieder besucht werden.

Herr Nuhr, Ihre Bilder sind eng verknüpft mit dem Reisen und dem Erleben fremder Länder und Kulturen. Mal angenommen, die Reisewarnungen dauerten noch über viele Monate: Wie würde das Ihre bildende Kunst beeinflussen?

Nuhr Reisen ist meine Lebensform, insofern ist das alles sehr einschneidend für mich. Ich hoffe und kann mir auch nicht vorstellen, dass wir uns wieder in mittelalterliche Dörflichkeit zurückziehen. Von dieser neuen Regionalität aus wäre es dann auch nicht mehr weit bis zu den Konflikten und Kriegen der alten Zeiten. Die globalen Verknüpfungen haben dafür gesorgt, dass Kriege nur noch an der Peripherie möglich waren. Ich halte eine Abschaffung der Globalisierung für eine Katastrophe, die in einen neuen Weltkrieg münden könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert.

Was ist das Ziel Ihrer Fotografie als Kunstform?

Nuhr Ich sehe mich gar nicht in erster Linie als Fotograf. Ich mache Bilder und benutze dafür eher zufällig eine Kamera und keinen Pinsel. Ich sehe meine Bilder als Fundstücke auf meiner Lebensreise. Ich erkunde fotografierend meinen Lebensraum. Der hat sich für Menschen in den letzten Jahrhunderten stark vergrößert. Früher beschränkte er sich auf das Dorf, in dem man lebte, dann auf die Stadt oder das Land. Nun ist die ganze Welt unsere Heimat. Ich versuche kennenzulernen, was ich erreichen kann, vom Himalaya bis zum Titicacasee. Auf den Reisen finde ich Bilder vor, die ich per Kamera einsammle.

Mit welcher Kamera arbeiten Sie und wie sieht es mit der Nachbearbeitung Ihrer Fotografien aus?

Nuhr Ich bin mit einer digitalen Mittelformat-Kamera unterwegs. Ein Objektiv reicht, ein bisschen weitwinkliger als Normalbrennweite. Da ich bevorzugt an Stellen fotografiere, an denen nicht viele vorbeikommen, will ich es vermeiden, aufzufallen, sonst gibt es oft Ärger. Viele Menschen glauben an Geister und den bösen Blick. Ich lasse die Bilder möglichst schwach bearbeitet, also keine großen Filter, keine Dramatisierungen. Ich konstruiere keine Bilder, ich finde sie.

Wie reagieren die Menschen in den Ländern, in denen Ihre Bilder entstehen, darauf, was Sie fotografieren?

Nuhr Die meisten sind amüsiert. In Marokko lacht man sich kaputt, wenn ich einen abgegriffenen Gegenstand fotografiere, den selbst in Afrika niemand mehr braucht. In Indien muss man schnell fotografieren, sonst wollen hundert Kinder auf das Bild. In Afrika oder Südamerika werden gerne mal Prügel angedroht, wenn Menschen glauben, ich würde ihr Land in schäbigem Zustand zeigen. Die Reaktionen sind bunt gefächert und natürlich nicht repräsentativ. Oft denken die Menschen, dass ich irre bin, weil ich dummes Zeug fotografiere. Wenn sie das Bild auf dem Screen sehen wollen, zeige ich es ihnen. Wenn sie dann begreifen, wie schön das Fotografierte ist, dann ist das wunderbar.

Wann hat ein Motiv die Chance, von Ihnen fotografiert zu werden?

Nuhr Meine Bilder haben eine abstrakte Qualität, sie zeigen Linien, Farbklänge, Formen. Meist ist etwas zu sehen, was von den meisten übersehen wurde. Eine Wand, ein Gegenstand, eine Farbe oder eine Linie wird zum Bildgegenstand und steht plötzlich beispielhaft für eine Region. Meist wird auch Zeit sichtbar. Was ich fotografiere, ist nicht glatt und selten neu. Meist hat es sichtbar Zeit hinter sich gelassen. Es hat mit der Zeit einen Charakter bekommen.

Hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Nuhr Es gibt einen Trend eher zum Abstrakten. Es gibt immer weniger konkrete Gegenstände im Bild. Neuerdings fange ich an, in die Bilder nachher hinein zu malen. Da weiß ich noch nicht, wohin das führt. Ich habe es auch noch niemandem gezeigt.

Die Ausstellung in der Galerie Löhrl in den Räumen Kaiserstraße 58-60 und 67 kann bis zum 17. Juli dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr besucht werden.