Mönchengladbach: "Der Raub der Sabinerinnen" im Theater

„Der Raub der Sabinerinnen“ im Theater : Die Habenichtse und die Bürgerlichen

Sein Faible fürs Theater muss Professor Gollwitz geheim halten. Diese „Geliebte“ schickt sich nicht für einen Studierten. Die Komödie „Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein ausgelassenes Lustspiel mit warmherziger Komponente.

Das fahrende Theatervolk braust mit einem VW-Bulli auf die Bühne. Das Vehikel hat keine Räder, die Füße der Schauspieler bringen es in Bewegung. Vollbremsung, alle steigen aus, schleppen sämtliche Bühnenrequisiten mit sich, richten sich ein. Fertig, das Stück kann beginnen. So rasant wie der Einstieg ist die Komödie. Es geht mehr oder minder drunter und drüber. Heimlichkeiten, Lügen, Verdächtigungen, Chaos: Alles was ein unterhaltsames Lustspiel braucht, ist in diesem Lustspiel drin.

Nur einmal, da verstummen die Schauspieler, wird auch das Publikum ganz ruhig. Theaterdirektor Emanuel Striese, unfassbar komisch, aber auch rührend von Generalintendant Michael Grosse verkörpert, wird in seiner Ehre aufs Gröbste beleidigt. Dr. Leopold Neumeister (Paul Steinbach), Schwiegersohn von Professor Martin Gollwitz (Michael Ophelders) brüllt: „Ach, Sie und ihr Schmierentheater!“

Grosses Monolog gerät zur Liebeserklärung an das Theaterleben: „Schmierentheater! Hören Sie, jetzt läuft mir die Galle über! Wissen Sie denn überhaupt, was eine Schmiere ist? Es ist wahr, wir ziehen von einem Ort zum andern. ... Es ist wahr, dass ich meinen Schauspielern fast gar keine Gage bezahlen kann, aber dafür leisten sie desto mehr. ... Und was schließlich meine Frau anbelangt – nicht nur, dass sie das Kassenwesen besorgt, den Schauspielern die Haare brennt, in der Stadt die Requisiten zusammenborgt und abends die größten Rollen spielt, nein, sie hat trotz dieser Überbürdung im Laufe der Jahre noch Zeit gefunden, mich mit einer Schar lieblicher Kinder zu beschenken. Sehen Sie, Herr Doktor, das wird an einer Schmiere geleistet, und ich bin der Direktor! Empfehle mich!“

Die Geschichte, die die Brüder Franz und Paul von Schönthan 1883 geschrieben haben, entwickelt sich so: Gymnasialprofessor Gollwitz liebt das Theater, allerdings nur heimlich. Auch seine eigenhändig verfasste Römer-Tragödie „Der Raub der Sabinerinnen“ holt der Professor nur aus der Schublade, wenn Gattin Friederike außer Haus ist.

Als Theaterdirektor Emanuel Striese, der mit seiner Wanderbühne in der Kleinstadt gastiert, Wind von dem Stück bekommt, wittert er mit dessen Uraufführung einen ausverkauften Saal.  Professor Gollwitz willigt in das Abenteuer ein. Die Gelegenheit ist günstig, denn seine Frau Friederike weilt mit der jüngsten Tochter Paula an der Ostsee. Dann aber kehren die beiden verfrüht zurück, und beim Versuch, die wahre Identität von Theaterdirektor Striese zu verschleiern, zieht sich mit jeder Notlüge die Schlinge weiter zu. Am Abend der Premiere kommt es zum Knall.

Anders als in anderen Komödien geht es in „Der Raub der Sabinerinnen“ nicht um zwischenmenschliche Betrügereien im Sinne von Fehltritten oder Affären. In diesem Stück betrügt Professor Gollwitz seine Frau mit seiner Liebe zum Theater. Die sie als gutbürgerliche Dame mit reichlich Dünkel nicht teilen kann. Die Theaterleute, das sind die Nichtsesshaften, die Habenichtse, die Unberechenbaren. Das vermeintliche würdevolle Lager, das sind die Bürger, die Studierten. Im Laufe des Stückes ringen beide Seiten um ihre Würde.

Das liest sich dunkler als es in Wirklichkeit ist. Auf der Bühne ist regelrecht der Teufel los. Die Szenenabfolge ist rasant, die vier Türen sorgen dafür, dass jederzeit jemand verschwinden oder auftauchen kann. Und die Spielfreude der Akteure ist unbändig. Die wie immer großartige Esther Keil als hochnäsige, verwöhnte Professorengattin, Tochter Paula, frisch und wunderbar interpretiert von Vera Maria Schmidt, Marianne (Jannike Schubert), selbstbewusste Gattin von dem leicht desorientierten Leopold Neumeister (Paul Steinbach), und – ausdrucksstark und stimmgewaltig – Joachim Henschke als Karl Groß.

Philipp Sommer ist der nicht so richtig toll geratene Sohn Emil Groß, der sich dem fahrenden Volk angeschlossen hat, und Eva Spott, die das Dienstmädchen Rosa im Hause Gollwitz spielt, sorgt für Leichtigkeit und Witz. Sie ist es, die das irre Spiel am besten durchschaut. Und dann ist da noch der Schuldiener Meißner. Gespielt von Henning Kallweit. Muss man nichts zu sagen. Einfach köstlich, dieser Mensch.

Michael Grosse und Michael Ophelders hatten schon bei der vorbereitenden Matinee verzückt. Gehen Sie hin, gönnen Sie sich dieses Stück, erleben Sie die beiden. Und die anderen. Sie werden es nicht bereuen.

Mehr von RP ONLINE