Monooper von Grigori Frid Anne Frank im Bunker

Mönchengladbach · Grigori Frids Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ erlebte im Bunker Güdderath eine eindringliche Premiere, nicht zuletzt dank der großen Leistung der Sopranistin Panagiota Sofroniadou.

 Das Tagebuch der Anne Frank: Die Uraufführung der Inszenierung von Katja Behning fand im Bunker Güdderath statt. Anne Frank wurde von Panagiota Sofroniadou verkörpert.

Das Tagebuch der Anne Frank: Die Uraufführung der Inszenierung von Katja Behning fand im Bunker Güdderath statt. Anne Frank wurde von Panagiota Sofroniadou verkörpert.

Foto: Reichartz, Hans-Peter (hpr)

Das Sirenengeheul, das die Besucher im Bauch des Bunkers in Güdderath empfängt, rückt diesen beklemmenden Ort, der ja seit diesem Jahr als einer der faszinierendsten Konzerträume der Stadt in Nutzung ist, in den Zusammenhang, für den er gebaut wurde. Der Weltkrieg mit seinen Bombennächten ist das Umfeld, in dem auch Anne Franks Tagebuch entstand, in dem das nicht mal 16-jährige Mädchen vom Leben der von den Nazis verfolgten jüdischen Familie im Amsterdamer Versteck erzählt und dabei einen erstaunlich reifen Blick auf die Unmenschlichkeit der Zeit wirft, die für Anne Frank und viele ihrer Angehörigen in den Vernichtungslagern der Nazis tödlich endet. Der naiv-weise Text ist schnell in der ganzen Welt gelesen worden, nach dem Erscheinen in Russland Anfang der 1960er Jahre auch vom Komponisten Grigori Frid, der daraus einen Sopran-Monolog machte, die Mon-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“. Die Aufführung dieses Werks bildet den Schlusspunkt der ersten „Herbstzeitlose“-Spielzeit, mit der die Hausherren Bernhard Petz und Zdzislawa Worozanska-Sacher große Beachtung erhalten.

Es ist die erste eigene Produktion des Musiker- und Künstler-Paares, das bei seinem Konzept nicht nur vom Land, dem städtischen Kulturbüro und dem Gemeinschaftstheater unterstützt wird, sondern für diesen Abend auch von den Theaterfreunden, die die Kosten für die Musiker abfedern. Frids einstündiger, aus 21 Episoden zusammengesetzter Abend, steht und fällt mit der Sopranistin. Panagiota Sofroniadou hat das Stück schon vor zwei Jahren als Stipendiatin der Theaterinitiative Aachen als Master-Abschlussarbeit gezeigt. Heute ist die 28-jährige Griechin, nach zwei Jahren im Opernstudio Niederrhein, Mitglied des neu gegründeten Opernstudios NRW. Ihr enorm wandlungsfähiger, zu extremen Emotionen begabter Sopran hat sich nach der Aachener Premiere noch weiter entwickelt. Ihr Spiel ist noch freier, virtuoser, berührender geworden. Das erlebten die Zuschauer zwischen den massiven Betonmauern aus nächster Nähe, hautnah gewissermaßen, indem die Darstellerin der Anne bisweilen mitten im Publikum auftauchte und von den klaustrophobischen Ängsten wie den unbekümmerten Freuden der Titelfigur sang.

Frids tonale, zumindest auf tonale Zentren hin gedachte Musik lebt von einprägsamen Klängen, einem Netz von Leitmotiven und nachvollziehbaren musikalischen Formen, aus denen Elemente des Jazz und der Volksmusik aufblitzen. Die Fassung für Klavier, Bass und Schlagzeug bietet eine Menge an Klangfarben, an denen unter anderem Rührenglocken und ein Tamtam maßgeblichen Anteil haben. Frid komponiert gespenstisch martialische Rhythmen, umflort Jungmädchenglück mit dem Dreivierteltakt, findet für die alltäglich sich steigernde Bedrohung des Entdecktwerdens expressive Klänge am Klavier und dem dräuenden Kontrabass. Michael Preiser als musikalischer Leiter am Klavier, Georg Ruppert, Kontrabass, und Dominik Lang am Schlagzeug harmonieren mitreißend.

Regisseurin Katja Bening lässt den von Bernhard Petz` monumentaler Skulptur bewohnten Raum eindringlich bespielen. Panagiota Sofroniadou erklimmt eine Art Himmelsleiter zur Lichtkuppel, balanciert auf einer schiefen Ebene, schläft und träumt auf einem rohen Tisch, kokettiert mit der vom Galgen herabbaumelnden Schlinge und wendet sich einmal vielsagend dem Petz‘ Kreuzweg zu, in der Betonabgüsse einer Marienfigur seriell zu Passions-Stationen auf einem rohen Holzkreuz arrangiert sind. Vom Pathos des Raums und in Abstrichen der Kunst macht sich die Inszenierung wohltuend frei. Langer Beifall.

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