Jazzchor in Mönchengladbach : Spaß haben, aber auch genau die Töne treffen

Damit Jazz tatsächlich nach Freiheit und Improvisation klingt, müssen die anspruchsvollen Stücke gründlich geübt werden.

Den Eingang zum Gebäude Z der Hochschule Niederrhein zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber mit dem Lageplan in der Hand kann nichts schief gehen. Im Hörsaal ZE 33 sind vier, fünf Menschen – erkennbar jenseits des Alters von Studierenden – damit beschäftigt, Stühle von den Tischen wegzurücken, um einen doppelten Halbkreis zu bilden. Im Mittelpunkt des Arrangements: ein E-Piano. Der Arbeitsplatz von Andrea Kaiser. Wobei gleich anzumerken ist, dass die an der Jazzabteilung der Kölner Musikhochschule ausgebildete Jazz- und Soulsängerin nur sporadisch am Tasteninstrument Platz nimmt. Denn die Chorleiterin macht ihren Job noch lieber im Stehen.

Jeden Montagabend ist Chorprobe, diesmal sind 26 Damen und acht Herren mit von der jazzigen Partie. Dass der Jazzchor nicht auf klassisches oder romantisches Liedgut spezialisiert ist, wird schon beim Einsingen hörbar. Andrea Kaisers Repertoire an Stimmbildungstraining beginnt mit Seufzern, Lockerungsübungen, Fußstampfen auf wechselnden Taktschwerpunkten und rhythmischem Händeklatschen. Folgt die erste Übung, eine Tonfolge auf dem Laut „Njäää“. „Es geht darum, dass ihr Kontakt herstellt zum weichen Gaumen“, erläutert sie den Sinn der Prozedur.

„Oh, I wanna dance with somebody“ geht nun vierstimmig richtig die Post ab mit dem Song von Whitney Houston. Nun, da die Unterkiefer der Sänger hinreichend gelockert sind, beginnt der schwierigere Teil der Chorprobe. „Auch wenn es im Jazz oft frei und improvisiert klingt, gilt es, die notierten Töne hundertprozentig exakt zu treffen und im präzisen Rhythmus zusammen zu bleiben“, sagt Kaiser. Die Harmonie, führt sie aus, sei im Jazz mit seinen vielen Halbtonschritten und Reibeklängen oft sehr anspruchsvoll für Chöre. Und noch etwas dürfte Chorsänger, die sich daran gewöhnt haben, stets Noten in Händen zu halten, fordern. „Wir legen Wert darauf, bei den Konzerten auswendig zu singen“, sagt die Chorleiterin. „Das fällt auch bei uns nicht allen leicht, aber wir haben uns daran gewöhnt.“ Und es macht viel Spaß, das ist den Sängern anzusehen.

Das nächste Lied, „Kein schöner Land“, was im Original von Anton v. Zuccalmaglio eigentlich ziemlich leicht zu singen wäre, entpuppt sich im sechsstimmigen Arrangement von Stefan Behrisch als verflixt komplexes Klanglabor. Seit drei Monaten arbeitet der Jazzchor daran. Hier schlagen die meisten Chormitglieder zur Sicherheit doch lieber ihre Notenhefte auf. Die moderne Fassung des Stücks ist ganze hohe Schule – durchaus ein Stück, mit dem man bei Chorwettbewerben punkten könnte. Ebenfalls hoch anspruchsvoll: „Shiny Stockings“ nach Frank Foster in der Chorversion von Oliver Gies. Dieses Stück soll im September in Hehn und am 12. Oktober in der Citykirche erklingen. Dann wird auch Manfred Heinen, Jazz-Pianist und Ehemann von Andrea Kaiser, am Keyboard für knackige Offbeats und andere rhythmische Finessen sorgen.

Um in Zukunft ihren Traum, mehr sechs- bis achtstimmige Arrangements zu singen, verwirklichen zu können, brauchte Andrea Kaiser mehr Mitstreiter. „Vor allem mehr Männerstimmen“, gesteht sie. Aber auch engagierte Sängerinnen mit Interesse an anspruchsvoller moderner Chorliteratur aus dem Bereich Jazz und Pop sind willkommen. „Wer gern an einer Schnupperprobe teilnehmen möchte“, so die Vorstandsvorsitzende Anja Lumpe, „kann mich kontaktieren, am besten über unsere Mail-Adresse info@jazzchor-mg.de.“

Der Jazzchor wurde 1991 gegründet, als ein „Kind“ der Hochschule Niederrhein. Erster Chorleiter war Wolfram Goertz, von ihm übernahm Horst Herbertz die Leitung. Seit 2012 ist Andrea Kaiser für die künstlerische Arbeit verantwortlich. Die Verbindung zur Hochschule hat gehalten, nach wie vor wird im Hochschulbau an der Webschulstraße geprobt. Doch mittlerweile steht der auf Vereinsbasis organisierte Chor, den zurzeit gut 40 jazzbegeisterte Frauen und Männer bilden, auf eigenen Füßen.