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Mönchengladbach: Ballett-Premiere "Während wir warten" in Rheydt

Tanz in Mönchengladbach : So schön kann „Warten“ sein

In vier meisterhaft getanzten Uraufführungen zeigen Robert North und sein Ensemble ein atemberaubendes Programm. So schön war die Ballettpremiere.

Geschichten allein mit Tanz und Musik zu erzählen, ist nicht leicht – vor allem für die Zuschauenden, die sich aus dem Erlebten den Sinn zusammenreimen müssen. Doch beim Ballettabend „Während wir warten“, bestückt mit fünf Uraufführungen, kommt es nicht darauf an zu erkennen, was auf der von Udo Hesse eingerichteten Bühne gerade szenisch „gemeint“ ist – weil die Choreografien so brillant, packend und vielfältig arrangiert sind, dass der betörte Blick sehr gern dem Rausch der Bewegungsbilder erliegt.

Welch künstlerisches Potenzial der eher tanzferne Modus des Wartens birgt, das führen Ballettchef Robert North und fünf Ensemblemitglieder in großartig bebilderten Themenkomplexen vor: In „Sommerzeit“ ruft Teresa Levrini zur Musik Ennio Morricones die Welt des Films „Cinema Paradiso“ in Erinnerung. Mit Marco A. Carlucci als Filmvorführer, der Abschied von seiner Frau (Levrini) nimmt, um darauf quasi sich selbst als jungen Mann (Alessandro Borghesani) am Projektor ins Visier zu nehmen:  Inmitten einer Mädchengruppe an der Küste Siziliens, wo er seiner ersten Liebe begegnet. Flávia Harada und Borghesani wirbeln umeinander – große Anmut bei anspruchsvollster, virtuoser Tanzkunst. Die Wartende im Ehebett soll am Ende nicht vergeblich ausgeharrt haben.

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In „Auf der Suche“ nutzt Ballettchef Robert North das Privileg, sein Stück mit Live-Musik zu realisieren: Theaterpianist André Parfenov spielt am Flügel seine selbst komponierte Konzertsuite „Ein Tag“ – und droht in seinem hoch verdichteten, brillant vermittelten Klangkosmos die Aufmerksamkeit vom Bühnengeschehen abzuziehen. Dort setzen ein Damenquartett und zwei Paare ihre Beziehungen – zwischen Anziehung und Abkehr – so in Szene, dass Bewegungen jeweils mit musikalischen Strukturen verknüpft werden. So gelingen markante rhythmische Akzente und ein vor Kreativität berstendes Tanzgetümmel. Auch wenn er drauflos groovt, ist Parfenov großartig, bis auf seine Neigung, öfter den Tastendonnerer herauszukehren.

Vordergründig witzig mutet die Videoproduktion „Warum warten wir?“ von Amelia Seth an, die Tanzende auf Stühlen sitzend auf der Bruckner­allee, in einem Wäldchen (Victoria Hay) oder am Ufer des Elfrather Sees (Duncan Anderson) posierend präsentiert. Doch durch den Song „My Body is a Cage“ von Peter Gabriel entsteht ein Flair von Geheimnis.

„Quo vadis – wohin gehst du?“, fragen Francesco Rovea und Radoslaw Rusiecki in ihrer selbst getanzten Nummer, die von der prächtigen Countertenor-Stimme Jakub Józef Orlinskis mit einer Vivaldi-Arie gekrönt wird. Ihren mit freiem Oberkörper getanzten Pas de deux haben die Tänzer-Choreografen mit einem eigenen Text unterlegt, den Intendant Michael Grosse rezitiert.

Das Finale ist pralles Rock-Theater: Solotänzer Alessandro Borghesani zeigt, wie wunderlich, gelangweilt, schüchtern oder draufgängerisch sich Passagiere in einem U-Bahn-Waggon („Metro 6“) verhalten.  Borghesani deutet dies als Mikrokosmos der Gesellschaft. Witzig, unterhaltsam und vor allem leidenschaftlich!                                        

Info Die nächsten Vorstellungen sind am 22. und 26. September sowie 2. Oktober.