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Mönchengladbach: Auf Atelierbesuch mit Elke Backes

Kunst-Bloggerin : Auf Atelierbesuch mit Elke Backes

Auf ihrer Internetseite stellt die Mönchengladbacherin Elke Backes Orte vor, an denen Kunst entsteht. Sie traf schon Künstler wie Jonathan Meese, Fabian Sey, Chris Soal oder das Paar Eva und Adele in ihren Ateliers. Die digitale Plattform macht die Welt der Kunst zugänglich für jedermann.

Sie besucht die Ateliers von Künstlern auf der ganzen Welt. Kunst-Bloggerin Elke Backes spricht mit ihnen über ihre Inspirationen, die Materialien, die sie verwenden, ihren Werdegang, ihre Visionen und Vorstellungen. Diese persönlichen Begegnungen fasst Backes für ihre Leser zusammen – in Texten und Bildern, auf denen sie immer auch selbst zu sehen ist, um die Greifbarkeit der Kunst zu zeigen. „Ich möchte mit meinen Blog-Artikeln dazu animieren, die faszinierende Welt der Kunst aus nächster Nähe zu entdecken“, beschreibt die promovierte Kunsthistorikerin ihr Konzept.

Backes hat Jonathan Meese besucht, ebenso Fabian Seyd in Berlin und Jan Albers mit seinen Reliefplastiken abgebildet. Für Chris Soal ist sie bis nach Südafrika gereist. Der begehrte Objektkünstler fertigt Kunst aus Kronkorken. Ganz offen, natürlich, feinfühlig und oftmals sehr humorvoll schildert Backes die Künstlerbegegnungen in ihrer speziellen, immer leicht nachvollziehbaren Sprache.

Beim Mönchengladbacher Künstler Thomas Virnich. Foto: Natascha Romboy/Foto by Natascha Romboy (c)

Sie ist eine genaue Beobachterin, und so transportiert sie auf atelierbesuche.com die Atmosphäre der Kunstwerkstätten in die Wohnzimmer ihrer Leser. Da muten ihr die Skulpturen des 27-jährigen Artdesigners Stanislaw Trzebinski in Kapstadt an wie „fossilierte Meerestiere und Pflanzen, die zunächst vom Meeresboden geborgen, dann in Bronze gegossen und abschließend durch die Injektion von Leuchtstäben oder -strängen wieder zum Leben erweckt wurden.“

Ganz anders ist das Gefühl bei einer Visite der Lagerhalle in Berlin-Schöneberg, der Wirkungsstätte des jungen Malers, Designers, Regisseurs und Musikers Noah Becker: „Es ist kein Kunstatelier im klassischen Sinne – die Location erinnert eher an einen Club am Morgen nach der Party“, notiert Backes.

Elke Backes hat Jonathan Meese bereits 2017 getroffen. Foto: Sarah Schovenberg

Globale Kunst für alle also, auch für den Einsteiger – die Idee kommt gut an. Bis zu 3000 Besucher zählt ihre Internetseite pro Monat. Backes bestimmt die Künstler, die sie besuchen möchte, selbst; Absagen hatte sie noch keine. Warum auch? „Die Künstler freuen sich über eine Veröffentlichung, weil sie sich bei mir gut aufgehoben fühlen. Mit vielen von ihnen pflege ich mittlerweile Freundschaften.“

Wie kommt man dazu, einen Kunstblog ins Leben zu rufen? Backes holt weit aus, erzählt, dass sie als Mädchen Innenarchitektin werden wollte, was die Eltern, die ein Bestattungshaus führten, ihr nicht erlaubten. Stattdessen musste sie das Gymnasium verlassen, um an der Höheren Handelsschule weiter zu lernen. Nach bestandener Lehre als Bankkauffrau trat sie wie von Vater und Mutter geplant in den elterlichen Betrieb ein und bildete sich dort bis zur höchsten Ausbildungsstufe als Fachgeprüfte Bestatterin weiter. „Bestattungshäuser sind traditionell Familienbetriebe. Ich bin also auf ganz natürliche Weise diesen Weg gegangen. Im Nachhinein wundere ich mich, wie brav ich die Wünsche meiner Eltern erfüllt habe.“

Noah Beckers Atelier gleiche einer Party am Morgen danach. Foto: Markus Schwer

Mit 40 Jahren dann die Wende. Backes irritiert der zunehmende Kulturverlust im Bestattungsberuf, Beerdigungen werden immer preisorientierter abgewickelt. Ihrem zweiten Mann Peter Backes trägt sie ihren Unmut vor. Er schlägt ihr vor, den Beruf an den Nagel zu hängen und etwas ganz anderes zu machen. Ihre Eltern sind zutiefst enttäuscht von ihr, aber sie setzt sich tatsächlich durch und verkauft das Bestattungshaus. „Heute sind die beiden froh über diese Entscheidung und freuen sich mit mir über meinen Werdegang“, sagt sie.

Nach einer kurzen und unerfüllten Episode als Nur-Hausfrau wendet sie sich mit der Frage, was sie aus ihrem Leben machen soll, an eine gute Freundin. Die rät ihr, Kommunikationsdesign zu studieren: „Du hast deine kreative Ader seit deiner Kindheit liegen lassen. Versuch es jetzt.“ Das dreijährige Studium öffnet ihr die Augen für die Kunst. Sie will in die Welt der Museen vordringen, aber dazu benötigt sie ein weiteres Studium, Kunstgeschichte.

Elke Backes im Atelier des Künstlers und Regisseurs Philipp Humm. Foto: Daniele Mah

Nach einigem Zögern der Professoren und viel harter Arbeit von Backes Seite aus ist sie die erste Person an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, deren B.A. in Kommunikationsdesign als Zulassung für einen M.A. in Kunstgeschichte anerkannt wird.

Nach ihrem M.A. und auf dem Weg zur Promotion fährt Backes eines Tages mit ihrem Mann Peter in das Atelier von Johannes Gehrke, um eines seiner Kunstwerke zu kaufen. Sie ist fasziniert von der Atelieratmosphäre: „Das war einzigartig. Sofort war in mir die Idee geboren, dieses einmalige Erlebnis mit anderen zu teilen. Noch am selben Abend habe ich die Adresse www.atelierbesuche.com gekauft.“ Ihr Mann Peter Backes war für sie während der gesamten Zeit der Loslösung vom elterlichen Bestattungsbetrieb, der Selbstfindung, ihrer Studiengänge, der Promotion und dem Aufsetzen des Blogs der Mentor und Ideengeber: „All das wäre ohne ihn für mich undenkbar gewesen.“

Elke Backes zu Besuch beim Berliner Künstlerpaar Eva & Adele. Foto: Markus Schwer

38 Atelierbesuche hat Backes in den vergangenen drei Jahren absolviert; bald wird ein Verlag die kurzen und weiten Wege der Kunstbloggerin ins Rheinland, nach Frankreich, England, New York und Kapstadt als Jahrbuchreihe auflegen. „Das ist eine schöne Ergänzung zu dem weiteren Print-Produkt, das ich als Chefredakteurin betreue, ‚Meet Pablo‘, ein Kunstmagazin, das den Zeitungen Handelsblatt, Welt und Rheinische Post beiliegt.“

In der Rubrik „Editorial“ auf atelierbesuche.com geht es um Kunstplattformen wie Auktionshäuser, Messen, Museen und um Portraits von Kunstsammlern. Die bislang 17 Texte geben aufschlussreiche Informationen zu den vielen Protagonisten, aus denen sich die Welt der Kunst zusammensetzt. So macht ein Rundgang durch die Düsseldorfer Kunstakademie richtig Lust, sich in diesem Februar den 50.000 Besuchern anzuschließen, die alljährlich diesen Tag der offenen Tür nutzen, um in die Ateliers des renommierten Gebäudes zu schauen.

Wie geht es eigentlich in Kunstauktionshäusern zu? Ein virtueller Besuch bei Van Ham in Köln gibt Antworten. Welches Sammelziel streben die drei Viehof-Brüder mit ihrer Sammlung Viehof an, die als eine der bedeutendsten deutschen Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst gilt? Backes nimmt ihre Leser mit an den Firmensitz der Dynastie, in die Villa Hecht an der Mönchengladbacher Beethovenstraße.

2020 stehen neue Besuche an. Eine Auswahl: Zum Jahresauftakt reiste Backes nach London zu Philipp Humm, einem ehemaligen Top-Manager, der sich heute vollständig der Kunst verschrieben hat. Von Goethes Faust I und II inspiriert, hat er 37 Szenen des Meisterwerks in ein neues Gesamtkunstwerk mit 150 Elementen transportiert: Skizzenbuch, Grafikzeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde, Bronzen, Fotografien und Film. Im Februar geht es nach Düsseldorf zu dem jungen Ehrenhof-Preisträger Aurel Dahlgrün und anschließend nach Südafrika. Im Folgemonat fliegt Backes nach Bordeaux, um sich dort mit der Malerin Barbara Schroeder zu treffen. Der April gehört Gregor Schneider. Backes ist ein großer Fan des Mönchengladbacher Künstlers, den sie nach Neapel zu seinen Ausstellungsvorbereitungen begleiten wird.

Nicht nur immer wieder neue Besuche, sondern auch neue Funktionen bietet Backes ihren Blog-Lesern. Zukünftig wird sich die Kunsthistorikern stärker als Vermittlerin der Kunst anbieten: „Unter jedem Posting biete ich eine Arbeit des vorgestellten Künstlers an. Es werden ausschließlich Unikate sein. Ganz transparent wird selbstverständlich auch der Preis genannt.“