Mönchengladbach: Wenn die Citykirche zur Oase der Ruhe wird

Die Marktmusik ist ein Publikumsmagnet. Münsterkantor Klaus Paulsen organisiert die Reihe. Viele Zuhörer kommen regelmäßig.

Klaus Paulsen steht im Eingang der Citykirche und begrüßt alle, die hereinkommen. Er schüttelt Hände, umarmt, scherzt. Es ist Samstag, kurz vor 12 Uhr. Gleich beginnt die „Musik zur Marktzeit“. „O my Love’s like the red, red Rose“ heißt das heutige Programm. Schüler der Musikschule Mönchengladbach und der Kölner Musikschule Papageno tragen schottische Volkslieder vor, bearbeitet von Carl Maria von Weber.

„Ich liebe die Mischung hier“, sagt Carl-Heinz Ewalds, der seit dem Beginn der Reihe vor fünf Jahren jeden Samstag im Publikum sitzt. Klassische Orgelkonzerte gehören ebenso zum Programm wie Jazz und Tangomusik. Mal treten große Orchester und Chöre auf, mal Kammermusiker oder Solisten.

Auf diesen ungewöhnlichen Mix ist auch der WDR-Rundfunkchor aufmerksam geworden, der am 26. Januar eine Marktmusik gestalten wird. Der WDR-Rundfunkchor tritt in weltbekannten Konzerthäusern auf. Doch Chormanagerin Carola Anhalt wollte ausdrücklich, dass die Kölner bei der Marktmusik singen: „Ich bin von dem Format begeistert, so etwas finde ich nirgendwo sonst in NRW. Hier haben die Menschen ohne großen Aufwand mitten in der Alltagshektik eine Oase der Ruhe.“ Die Konzerte dauern nie länger als eine Stunde, der Eintritt ist frei. Auch das lädt zum Kommen ein.

Bei der Marktmusik treten aber nicht nur Profis auf. „Nachwuchs-Förderung ist mir extrem wichtig“, sagt Paulsen. Heute singen Schüler der Musikschul-Gesangslehrerin Nicole Ferrein. Nicht alle sind gleich fortgeschritten, manchen merkt man die Aufregung an. Das Publikum ist wohlwollend. Paulsen kooperiert bei vielen Konzerten mit der Musikschule, an der er – neben seinem Job als Münsterkantor – Fachleiter für Gesang ist. Davon profitieren beide Seiten. „Die Marktmusik ist für uns ein wunderbares Experimentierlabor“, sagt Musikschulleiter Christian Malescov.

An diesem Tag sind etwa 150 Zuschauer da. Etwa die Hälfte Stammpublikum. Für einige Senioren ist die Marktmusik die einzige Möglichkeit, am Musikleben teilzunehmen. Heute sind aber auch etliche junge Zuhörer da – Verwandte und Freunde der jugendlichen Musiker.

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5000 Zuschauer kommen jedes Jahr, verteilt auf 45 Samstage. Das ist für eine klassische Reihe erstaunlich, zumal Paulsen kaum Marketing macht. Es gibt einen Flyer, das Programm im Internet und Presseankündigungen. „Mehr schaffe ich bei bestem Willen nicht“, sagt Paulsen, der Programmkoordinator, Manager, Sekretär, Chorleiter und aktiver Musiker in Personalunion ist. Ob ihm die Organisation manchmal schlaflose Nächte bereitet? Er schüttelt den Kopf. Falls jemand kurzfristig wegen Krankheit ausfällt, hat er so viele Kontakte, dass meist jemand einspringen kann. „Und zur Not setze ich mich selbst an die Orgel.“

Er findet es sogar wichtig, flexibel zu sein. Wenn gerade ein Gesangsschüler reif für einen Auftritt ist, dann lässt Paulsen ihn spontan vor seinem eigenen Orgelkonzert singen. Stiehlt das Kind ihm dann nicht die Show? Paulsen guckt irritiert. „Hier geht es um die Musik, nicht um mich.“

Wolfram Goertz, Musikredakteur der Rheinischen Post, kommt am 15. Dezember mit dem Werkschor der Rheinischen Post, „weil die Marktmusik so offen, liberal und gleichzeitig sehr anspruchsvoll ist“, sagt Goertz. „Und wegen der hervorragenden, warmherzigen Akustik in der Citykirche.“

Als an diesem Samstag das Konzert zu Ende ist, leert sich die Kirche nur langsam. Paulsen geht herum, redet mit vielen. Er spricht auch Zuschauer an, die er noch nicht kennt. „In der Kirche ist es oft so kalt“, sagt Goertz. „Klaus Paulsen hat eine tolle Art, die Menschen zu erwärmen.“ Das mag an seiner tief katholischen Grundhaltung liegen. Und daran, dass Paulsen seinen Job liebt. Wenn man ihn fragt, wie viel Freude ihm die Marktmusik auf einer Skala von eins bis zehn macht, lächelt er und sagt: „Zehn“.

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