Marcel Zajac wurde mit Down-Syndrom geboren, in Mönchegladbach lernt er Schlagzeug spielen

Mönchengladbach : Das Erfolgsrezept hat drei Farben

Der 20-jährige Marcel Zajac wurde mit Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom, geboren. An seinem Instrument übt er nach Farben und Zahlen. Das System hat sein Schlagzeuglehrer Manfred Heinen entwickelt.

Afro. So steht es mit Filzstift geschrieben auf dem Blatt. Dazu Zahlenreihen. Zwei nebeneinander, zwei untereinander. Jeweils von 1 – 6. Unterschiedlich farblich markiert. Eine Art Notenblatt. 6/8-Takt. Marcel Zajac sitzt hinter dem Schlagzeug. Konzentriert folgen seine Augen dem Finger von Manfred Heinen. Der Musiklehrer hilft ihm damit, den Überblick zu behalten und gibt zugleich die Geschwindigkeit vor, in der sein Schüler mit den Schlagzeugstöcken den Takt spielt. Zunächst sehr langsam. Der Rhythmus ist kaum zu erkennen.

Manfred Heinen erhöht langsam die Geschwindigkeit. Dann klatscht er leise den Takt mit: „Für Marcel ist das ein ganz neuer Takt. Und wie für jeden Schüler ist es auch für ihn schwierig, das Metrum zu erfassen.“ Der 20 Jahre alter Marcel Zajac findet sich mit jedem Takt mehr in den Rhythmus ein, auch wenn er schon mal einen Schlag aussetzt.

Der studierte Musiker Manfred Heinen setzt sich nun ans Klavier und improvisiert leichthändig über den Takt, den Marcel vorgibt. Das vermittelt das Gefühl, tatsächlich Musik zu machen, erklärt Heinen: „Wir jammen sehr viel. Marcel ist super in der Lage den Groove steady zu halten. Er ist sehr stabil im Tempo.“

Das zeigt sich vor allem auch in dem 4/4-Takt, den Marcel nun spielt und „an dem er nicht groß hat arbeiten müssen.“ Das habe mit dem musikalischen Empfinden zu tun, das sich bei seinem Schüler eingestellt hat, den Takt habe er intuitiv verarbeitet. „Sehr gut“, attestiert Heinen seinem Schüler zwischendurch, „das hast du jetzt super gemacht und den Rhythmus schnell aufgebaut.“

Mit ein paar Unterbrechungen spielt und übt Marcel Zajac bereits seit 13 Jahren Schlagzeug. Er habe Talent, sagt sein Musiklehrer, „wenn er noch mehr an sich arbeiten würde, könnte er noch deutlich mehr erreichen.“ Manfred Heinen will damit Marcels Fortschritte keineswegs schmälern, im Gegenteil: „Ich habe zwischendurch immer wieder mal gedacht, ob es denn weitergehen wird mit ihm. Und dann wurde ich jedes Mal positiv überrascht.“

Das Erfolgsrezept hat drei Farben. Mit ihnen sind die Zahlen auf dem Notenblatt farblich unterlegt. Orange steht für die Bassdrum, Blau für die Snare und Grün für die Hi-Hat. Diese Kombination aus Zahlen und Farben ist optimal für Marcel, denn er ist ein Mensch mit Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom.

Manfred Heinen hat nach dem Prinzip „try and error“ so lange getüftelt, bis am Ende diese Form des Lernens ausgereift war. Heinen hat Jazzklavier studiert und arbeitet seit 30 Jahren als Musiklehrer. Freiberuflich. „An vier Tagen in der Woche bin ich ausgebucht“, erzählt er. Er hat Marcel über die AFbJ (Aktion Freizeit behinderter Jugendlicher) kennengelernt, denn dort hat er über Jahre eine Band aus Musikern mit geistigen und körperlichen Behinderungen betreut. In Berührung mit der AFbJ kam er über einen Zettel in einer Bücherei, „darauf suchte ein Mädchen mit Trisomie 21 einen Klavierlehrer.“ Seither hat er bereits mehrere Menschen mit Behinderung in seiner Musikschule an der Gutenbergstraße betreut.

Im Grunde unterscheide sich die Arbeit nicht von der mit Menschen ohne Beeinträchtigung. „Es kommt immer darauf an, dass ich mich in mein Gegenüber einfühle. Wenn ich die speziellen Probleme erkannt habe, kann ich loslegen.“ Es gehe immer darum, einen Zugang zu finden. Damit sei schon alles erklärt: „Meine Methode ist vielleicht die, dass ich keine habe.“ Als Beispiel nennt er einen ehemaligen Schüler, „der ein exzellenter Schlagzeuger ist, aber einer mit einer grandiosen Theorieblockade. Derart, dass er nicht zum Studium zugelassen werden sollte.“

Auch in diesem Fall habe das Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten geholfen. Im Unterricht habe er Stück für Stück die Blockade aufbrechen können, „und dann konnte er Musik studieren.“ Die Blockade sei zwar nicht weg, er arbeitet eher intuitiv, aber er gibt mittlerweile selbst Schlagzeugunterricht. Um in seiner Arbeit Erfolg zu haben, „muss ich offen sein, zu experimentieren. Hilft der eine Weg nicht weiter, schaffe ich es vielleicht mit dem anderen.“

Marcel kommt einmal die Woche für eine halbe Stunde zum Unterricht. Er hat es nicht weit. Er findet seinen Schlagzeugunterricht „cool.“ Außerdem sei „Herr Heinen der beste Lehrer der ganzen Welt.“ Man sieht dem 54-Jährigen an, dass er denkt: „Marcel, nun mach mal halblang.“ Über dessen Begeisterung freut er sich natürlich dennoch, auch dass er diszipliniert übt: „Das kann ich deutlich hören, wenn ich mit dem Hund unterwegs bin und an seinem Elternhaus vorbei komme.“

Stolz erzählt Marcel, dass er nicht der einzige Musiker in der Familie ist: „Mein Bruder Axel wohnt in Bremen und spielt gut Gitarre.“ Das bestätigt auch Manfred Heinen: „Ein toller Jazzgitarrist.“ Mit ihm und mit Marcel hat er bereits Konzerte gespielt, denn „Marcel spielt gerne live.“ Dies sei ohnehin Teil seines Konzepts: „Sporadisch veranstalte ich mit meinen Schülerinnen und Schülern Konzerte im BIS.“