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Klavierbauer: Zum wichtigsten Handwerkszeug gehören Respekt und auch Geduld

Mönchengladbach : Ein Beruf mit vielen Saiten

Zum wichtigsten Handwerkszeug des Klavierbauers gehören Respekt und auch Geduld. Bei einem Instrument mit 240 Saiten muss Heinz J. Kalscheuer immerhin 240-mal den gleichen Handgriff machen.

Aufgeräumt ist der Raum. Fast klinisch. Und, ja, ein eröffneter Körper: Das Herz ist zu sehen, die Muskeln, der Bewegungsapparat liegt offen zutage. Kein Lebewesen, aber fast. Eine Maschine. Mit einem feinen Anschlag der Finger zum Leben erweckt. Volle klare Stimme. Feinmechanik auf sehr hohem Niveau. 88 Tasten, 240 Saiten. Mechanik, kompliziert, mit Bedacht verbunden und dennoch im höchsten Maß übersichtlich. Alles hat seinen vorbestimmten Platz. Seit damals, seit die Berliner Klaviermanufaktur Manthey den verschiedenen Holzsorten und -formen, dem Metall, dem Filz und den schwarzen und weißen Tasten auf eigene Wesen verschraubt Leben eingehaucht hat.

Ein sensibles dazu: „Der Resonanzboden ist der Lautsprecher des Klaviers. Durch die wechselnden Temperaturen und Luftfeuchtigkeit in den Theater- und Konzertsälen dehnt sich das Holz oder zieht es sich zusammen.“ Verstimmungen seien da programmiert.

Das gute Stück wartet auf den Abschluss der Reparaturarbeiten. Das Klavier nebenan im großen Verkaufsraum, Baujahr 1905, hat diese Prozedur längst hinter sich. Es wartet, überholt an Mechanik und Holzhülle, frisch poliert auf seinen Käufer. Einmal hatte er das Klavier beinahe schon verkauft, berichtet Heinz J. Kalscheuer lächelnd: „Es hätte perfekt in dieses Haus mit seinen hohen Räumen in Rheydt gepasst, aber dann hat es doch nicht geklappt. Es wird wohl bis zu meiner Rente hier stehen.“

Das klingt nicht einmal bedauernd sondern eher nach Lebenserfahrung: „In meinem Beruf müssen Sie Geduld haben.“ Geduld und Respekt seien die grundlegenden Charakter- und Wesenszüge, um den Beruf des Klavierbauers ausüben zu können: „Bei 240 Saiten müssen Sie halt 240-mal den gleichen Handgriff machen.“

Bisher hat er seine Kenntnisse und seine Erfahrung an vier Auszubildende weitergeben können: „Alle vier junge Frauen. Eine hat hier gar ihren Meister gemacht. Sie betreibt nun in Dillingen mit ihrem Mann ein Geschäft.“ Seine jüngste Gesellin sei gerade zurück nach Hamburg gegangen und arbeite nun bei Steinway. Das freut ihn mächtig, denn nun weiß er, dass er ihr das nötige Rüstzeug für exklusives Arbeiten vermittelt hat. Kalscheuer stellt gerne Frauen ein. Auch hierbei schmunzelt er: „Das liegt daran, dass sie Respekt vor ihrer Aufgabe haben und sich dem Beruf mit Umsicht und eben Respekt nähern. Männer sehen eher nur das Gewicht eines Klaviers als Herausforderung.“

Etwa 45 Klaviere stehen im Laden an der Waldhausener Straße. Darunter neue Klaviere eines japanischen Anbieters, aber eben auch alte Schätze im besten Sinn, etwa aus der Stilepoche des Jugendstils, edel mattschwarz lackiert. Ein gutes Klavier kostet zwischen zweieinhalb und siebentausend Euro: „Eine Anschaffung fürs Leben.“ Sein Angebot sei nichts für Laufkundschaft, „deshalb macht es auch nichts, dass mein Geschäft nicht unbedingt in bester Lage liegt.“ Wobei er betont: „Ich liebe diese Stadt, ich find´s hier klasse.“ Die meisten Kundenkontakte hat er über das Internet und über Empfehlungen. Allerdings ist er auf die Angebote auf den diversen Verkaufsplattformen nicht sonderlich gut zu sprechen. Heinz Kalscheuer wird ernst: „Es gibt hunderte Klaviere im Netz. Die meisten müssten angeblich lediglich gestimmt werden.“ Er schüttelt den Kopf: „Da verkaufen Menschen ohne Ahnung ein Instrument an Menschen, die auch keine Ahnung haben, aber bei den Preisen oft von ihrem Jagd- und Schnäppchentrieb überwältigt werden.“ Das dicke Ende komme meist erst, wenn er zum Stimmen gerufen wird: „Dann bin ich der Überbringer der bösen Nachricht. Denn meist sind die Klaviere nur noch Schrott.“ Und eine Reparatur lohne nicht oder kaum.

Sein eigenes Klavier hat er 1993 während seiner Meisterprüfung gebaut, das war in Ludwigsburg bei Stuttgart. Zuvor hat er mit 16 eine Ausbildung zum Tischler gemacht, dann in Krefeld seine Lehre zum Klavierbauer. Ihn fasziniert an seinem Beruf, „die Melange aus Kunst, handwerklicher Präzision und dem Ergebnis, wenn schließlich jemand auf dem Instrument spielt, hören und fühlen zu können.“

Natürlich spielt er selbst Klavier, und das seit 50 Jahren. Angefangen hat er als Schüler in der Musikschule, später hat er unter anderem selbst einen Chor in Pongs geleitet und Tanzmusik gemacht: „Aber am Ende passte das alles nicht mehr zu meiner beruflichen Belastung.“

Etwa an 30 Sonntagen im Jahr ist er unterwegs, um als Klavierstimmer sein Geld zu verdienen. Etwa 50.000 Kilometer fährt er im Jahr: „Ich bin an der Deutschen Oper aktiv, aber auch an den Theatern in Duisburg, Krefeld, Neuss und Mönchengladbach.“ Heinz J. Kalscheuer ist mittlerweile „weit und breit der einzige Meister.“ Seine tägliche Arbeitszeit liege meist bei zehn Stunden. Eine wichtige Gabe wäre beinahe vergessen. Als Klavierbauer brauche man viel psychologisches Gespür – für Pianisten nämlich: „Man muss ihnen vermitteln können, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dann klappt alles.“ Manche seien Diven. Einmal habe die Stadtverwaltung in der Tat einen neuen Flügel angeschafft, weil ein prominenter Pianist angeblich auf dem vorhandenen Instrument nicht spielen konnte. Auch bei dieser Anekdote lacht er sein ansteckendes Lachen.