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Jugend musiziert in Mönchengladbach: So arbeitet die Jury

Jugend musiziert in Mönchengladbach : Bei der Jury-Bewertung ist Feingefühl gefragt

Gut 30 Profi-Musiker, Hochschullehrer und Musikschulleiter bewerten die Schüler bei „Jugend musiziert“ kritisch, aber mit Wohlwollen. Schließlich ist jedes Vorspielen eine Leistung. Und egal, wie jemand abschneidet, die Erfahrung bringt einen Entwicklungssprung. Ein Blick hinter die Kulissen.

„Eigentlich ist Ihre Aufgabe ohne Psychologiestudium nicht zu erfüllen“, sagt Musikschulleiter Christian Malescov und lacht. Seine Empfehlung für die Juroren des Wettbewerbs „Jugend musiziert“: „Fangen Sie positiv an, hören Sie positiv auf und geben Sie dazwischen aufbauende Tipps. Aber auch die wunden Punkte müssen deutlich werden. Es dürfen nicht alle nach der Beratung meinen, sie hätten die maximale Punktzahl.“

Vor 30 Juroren erklären Malescov und der Viersener Musikschulchef Ralf Holtschneider als Leiter des Regionalwettbwerbs „Jugend musiziert“ zu Beginn die Spielregeln. Unter den Juroren sind Hochschullehrer, Leiter von umliegenden Musikschulen und erfahrene Profi-Musiker. Einige jurieren auch beim Landes- und Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Manche tragen Sakko, andere Jeans, einer Springerstiefel, Totenkopfring und eine Tätowierung quer über den Handrücken.

„Wir bitten Sie, dass hier jedes Kind mit einem Preis rausgeht“, sagt Holtschneider. Mindestens 13 von 25 möglichen Punkten braucht ein Teilnehmer für einen dritten Preis. „Jeder hat Respekt verdient“, sagt auch die Hochschullehrerin Anja Paulus. Zusammen mit der Sängerin Judith Hilgers und Christian Schotenröhr, Fachbereichsleiter an der Musikschule Duisburg, sitzt Anja Paulus in der Gesangsjury. Unter den zwölf jungen Sängern, die antreten, ist die 15-jährige Elisabeth Pfeiffer. Im bodenlangen schwarzen Rock und schwarz-weißem Jäckchen singt sie vor über 50 Zuschauern Lieder von Mozart, Händel und Pergolesi. Zwischendurch breitet sie die Arme aus wie eine Opernsängerin.

Die Juroren hören konzentriert zu, machen sich Notizen. Elisabeth hat eine für ihr Alter extrem kraftvolle, reife und warme Altstimme. Als das blonde Mädchen den Raum verlassen hat, sind die Juroren sich hinter verschlossenen Türen sofort einig: 24 Punkte. Damit bekommt sie eine Weiterleitung zum Landeswettbewerb, genau wie 77 weitere Teilnehmer aus Mönchengladbach. Das Ergebnis erfährt Elisabeth aber erst abends bei der Abschlussfeier. „Du kannst jeden Tag dem lieben Gott Danke sagen für deine große Stimme“, sagt Anja Paulus ihr nachmittags bei der Einzelberatung, „Vertrau ihr noch mehr, sie ist auch da, wenn du locker bist.“ Die Juroren raten Elisabeth, beim Üben auf einem Bein zu stehen und auch mal leise zu singen. Elisabeth nickt die ganze Zeit. „Sie haben all meine Punkte erkannt“, sagt sie. Sie mag am liebsten wütende Stücke mit viel Dramatik. „Ich werde gerne bewertet“, sagt Elisabeth. „Das bringt Spannung in die Sache. Es weckt meinen Ehrgeiz.“

Elisabeth Pfeiffer (15) singt gern vor. Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)

Egal bei welcher Jury man an dem Wochenende zuhört: Der Tonfall ist durchweg freundlich und aufbauend. Viele Schüler werden von ihren Musikschulfreunden zum Vorspiel begleitet, bestärkt, beruhigt und manchmal auch getröstet.

Durch den Wettbewerb mache jeder Schüler einen großen Entwicklungssprung, sagt Malescov. Dazu gehört für ihn auch die Erfahrung, mal nicht der Beste zu sein. „Kinder lernen Laufen durch Fallen. Das ist für sie völlig normal.“ Problematisch seien – wenn überhaupt – die Erwachsenen, „wenn sie ihre enttäuschten Erwartungen auf die Kinder übertragen“.

In diesem Jahr hat der Musikschulleiter nur eine Beschwerde per E-Mail bekommen. Auf den Fluren der Musikschule trifft man ein paar Teilnehmer und Lehrer, die mit ihren Ergebnissen nicht glücklich sind. Sie haben alle 21 bis 24 Punkte. Es gibt aber auch Fälle wie den zehnjährigen Kevin, der mit 15 Punkten in der Klavier-Solowertung unten in der Skala liegt. Der Klavier-Juror Erich Theis sagt dazu: „Wir müssen halt differenzieren. Er hat sich zu wenig vorbereitet.“ Kevins Lehrerin Helga Steinecker findet die Bewertung in Ordnung: „Auf Punkte kam es uns nicht an, sondern aufs Mitmachen. Kevin hat viel dabei gelernt“, sagt sie. Und Kevin selbst? Beim nächsten Mal will er früher mit dem intensiven Üben anfangen. „Aber alles war so schön feierlich und bei meinem Vorspiel haben viele zugeguckt. Ich bin echt stolz, dass ich das geschafft habe.“