1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Kultur

Geschichten aus Mönchengladbach finden sich in dem Buch "Niederrheiner erzählen" von Clemens Reinders

Stadtgeschichte aus Mönchengladbach : Was Niederrheiner erzählen

Der Lehrer Clemens Reinders hat Zeitzeugen zum Leben am Niederrhein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interviewt. Auch zwei Geschichten aus Mönchengladbach finden sich in seinem Buch „Niederrheiner erzählen“.

Wer Dokumente zur Geschichte einer Region publizieren will, kann es sich leicht machen – und auf veröffentlichte Berichte zurückgreifen. Clemens Reinders, Lehrer für Kunst und Sozialwissenschaften, aus Rees-Haldern hat es sich nicht bequem gemacht. „Ich habe etwa 100 Interviews geführt, teils mit hochbetagten Menschen, die mir aus ganz persönlicher Erinnerung Erlebnisse aus der Vergangenheit geschildert haben“, erläutert Reinders seine Vorgehensweise.

Was die Historikerin Doris Schilly 2004 mit ihren „Mönchengladbacher Zeitgeschichte(n)“ vorgemacht hat, erweitert Reinders auf den gesamten Niederrhein. Im Wartberg-Verlag ist sein 112 Seiten zählender, reich bebilderter Band „Niederrheiner erzählen. 1900 bis 1960“ erschienen. Die Interviews habe er „in der Manier eines Sammlers“, so Reinders, zwischen 2007 und 2018 geführt und protokolliert. Als genug Material zusammen war, präsentierte er die aufgezeichneten Audio-Dateien in einer chronologisch geordneten Folge.

 Separatisten verbarrikadierten sich am 22. Oktober 1923 im Gladbacher „Rathaus Abtei“.
Separatisten verbarrikadierten sich am 22. Oktober 1923 im Gladbacher „Rathaus Abtei“. Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach

Das Konzept des Textsammlers bestand darin, „durch und durch subjektiv gefilterte Beobachtungen Einzelner“ zu übermitteln. Wobei der wissenschaftliche Anspruch von dem zulässigen Hang, die Leserschaft auch mit anekdotenhaften Quellen zu unterhalten, nicht gemindert werden sollte. „Mich fasziniert zu erfahren, was Leute am eigenen Leib erfahren, erlebt, erlitten haben“, sagt der Buchautor zum Motiv seiner Forschung. Dabei interessiere ihn nicht allein das Was des Erlebten, sondern auch die besondere Art und Weise, wie Zeitzeugen das vor langer Zeit Erlebte rückblickend der Nachwelt berichten.

Das Startkapitel, „Wie der Kaiser den Krefeldern ihre Tanzhusaren brachte“, fußt auf einer Anekdote, die glaubwürdig belegt ist. Sie geht zurück auf den Besuch Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1902 in Krefeld, als er beim Festbankett sich den Ehrendamen zuwandte und sie fragte, ob sie denn auch „tüchtig mit den jungen Leutnants tanzen“. Eine Angesprochene entgegnete: „Ach, Majestät, es sind doch gar keine Leutnants hier.“ Da versprachen Majestät, alsbald Soldaten dieses Rangs nach Krefeld zu beordern. Vier Jahre später wurde Krefeld preußischer Husaren-Standort.

 Gladbacher Polizisten nehmen einen Separatisten fest.
Gladbacher Polizisten nehmen einen Separatisten fest. Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach

Spannend liest sich das Kapitel über Ereignisse im Herbst 1923. Darin geht es um die von dem damaligen Gladbacher Bürgermeister Karl Porzelt erinnerten Vorgänge um separatistische Bestrebungen. Auch in Gladbach versuchten sogenannte „Sonderbündler“, die „Freie und unabhängige Republik Rheinland“ zu etablieren. Am 22. Oktober 1923 dringen Separatisten ins Rathaus Abtei ein, bedrohen den Beigeordneten, der es vorzieht, sich aus dem Rathaus zu entfernen und nach Hause zu gehen.

 Ingenieur Hugo Junkers, 1859- 1935.
Ingenieur Hugo Junkers, 1859- 1935. Foto: Technikmuseum "Hugo Junkers" Dessau

Porzelt steckt in der Klemme: Er hat in der von Franzosen und Belgiern besetzten Stadt nur begrenzte Befugnisse, weiß nicht, auf welche Seite sich die belgischen Gendarmen schlagen werden. Blutvergießen will er vermeiden. Nachdem es im Amtsgericht zu einer Schießerei mit Verletzten gekommen ist, greifen Polizisten die verschanzten Separatisten am nächsten Morgen an – und verprügeln sie nach Strich und Faden. Draußen unterstützen Bürger die Ordnungsmacht, plündern Wohnungen von Separatisten. Nur durch das beherzte Eingreifen des Beigeordneten Elfes kann in einem Fall drohende Lynchjustiz verhindert werden, berichtet Porzelt. Clemens Reinders hat nicht mehr persönlich mit Porzelt sprechen können. Der Ex-OB starb 1943, Reinders greift aber auf dessen Aufzeichnungen zurück.

Auch mit Hugo Junkers, dem in Rheydt geborenen Maschinenbau-Ingenieur und Flugzeug-Konstrukteur, konnte Reinders nicht mehr persönlich sprechen, Junkers starb 1935. Der Autor zieht Zeitungsquellen heran, in denen vom gefeierten Besuch des Luftfahrtpioniers im Juli 1928 berichtet wird. Der damals 69-Jährige feierte die Verleihung der Ehrenbürgerschaft durch seine Heimatstadt Rheydt nach internationalem Triumph. Am 28. April hatten Junkers-Piloten in einer Junkers-W30 den ersten Ozeanüberflug von Europa nach Amerika geschafft. Umgekehrt hatte diese Leistung ein Jahr zuvor bereits Charles Lindbergh in der Gegenrichtung erbracht.

Clemens Reinders: „Niederrheiner erzählen. 1900 bis 1960“. Wartberg-Verlag, ISBN: 978-3-8313-3251-9, Preis 15 Euro.