Mönchengladbach: Dr. Motte, Expo und der ganze Rest

Mönchengladbach : Dr. Motte, Expo und der ganze Rest

Für Künstlerin Naumann ist das Programm zur Ausstellung essenziell. Sie entwickelte eine Konferenz mit Aspekten zu Möbeln, Design, Zeitgeschichte. DJ Dr. Motte kam ins Museum Abteiberg mit einem musikalischen Set der Postmoderne.

Neben Schiller, Beethoven und Steffi Graf war Dr. Motte eine der wichtigen Figuren im deutschen Pavillon der EXPO 2000. Diese Tatsache führte den Erfinder der Love Parade als Musiker einer Ära ins Museum Abteiberg. Der DJ hatte sich nach einem Pressehinweis auf die Ausstellung der Künstlerin Henrike Naumann beim Museum gemeldet, verriet Museumsleiterin Susanne Titz. Sie bescheinigte dem Gast ein besonderes Interesse an urbaner Planung. "Ich wollte Architekt werden, doch dann kam der Punk dazwischen", so Dr. Motte. Zur Konferenz trug er einen Originalmantel der Guides von der EXPO 2000.

"Eine Konferenz im geteilten Deutschland. Treuhand, EXPO und der ganze Rest" überschrieb Künstlerin Henrike Naumann das Begleitprogramm zu ihrer Ausstellung. Initiatorin, Gäste und Besucher saßen mitten drin. "Für meine Ausstellung ist das Programm essenziell, und ich habe sie so konzipiert, dass man sich hineinsetzen kann", sagte Naumann. Sie hatte eine illustre Runde von Zeitzeugen und Theoretikern um sich gesammelt. Ausgehend von Naumanns künstlerischer Arbeit unternahmen Clemens Villinger vom Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam, Andreas Grosz, ehemaliger Gründungsgeschäftsführer der Weltausstellungsgesellschaft EXPO 2000, Uta Brandes, Designtheoretikerin und langjährige Professorin an der Kölner International School for Design, sowie Dr. Motte eine interdisziplinäre Erinnerungsarbeit. Im Zentrum standen Aspekte zu Möbeln, Design und Zeitgeschichte.

Clemens Villinger analysierte im Vortrag über ostdeutsche Konsumpraktiken von 1949 bis 2000 persönliche Bindungen an Möbel und den Einfluss historischer Ereignisse auf das Konsumverhalten. Dabei zeigte sich der Wissenschaftler davon überzeugt, dass die an Sparsamkeit gewohnten Menschen der Nachkriegszeit ihre Möbel selten austauschten. Junge Leute hätten sich in der Regel mit der ersten Wohnung neu eingerichtet. Er widersprach Behauptungen, dass mit der Wende 1989 eine komplette Neueinrichtung einsetzte.

Andreas Grosz berichtete, dass die Expo 2000 in die Wirrungen der Wende geraten sei. "Die Sache" sei 1989 in den Schubladen verschwunden und musste reaktiviert werden. Den deutschen Pavillon bezeichnete er als das Ergebnis eines "quälerischen Prozesses". Dabei sei das Jahr mit einer extremen Vision verbunden gewesen. "Die EXPO sollte zeigen, dass wir die großen Probleme angehen", so Grosz. Wegen der politischen Entwicklung hätte er die Weltausstellung lieber 100 Kilometer weiter östlich als Zeichen für den Neubeginn gesehen.

Brandes beschäftigt sich intensiv mit der gesellschaftlichen Funktion von Design. Sie stellte fest, dass die Designgeschichte von "Bauhaus" und "Die gute Form" versucht hätte, Menschen zu erziehen. "Wer will festlegen, was gutes Design ist. Auch Bauhaus kann Kitsch sein", kommentierte die emeritierte Professorin eine solche Bevormundung. Neben der Funktionalität von Design und Möbeln sieht sie die damit verbundene Emotionalität. Künstlerin Naumann bat Dr. Motte einen Auszug aus Reinald Goetzes Roman "Johann Holtrop" zu lesen, ein zeitdiagnostisches Gesellschaftspanorama der Nullerjahre. Vorlage für die Hauptfigur war Skandalmanager Thomas Middelhoff, von 1998 bis 2002 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG. DJ Dr. Motte beendete die Konferenz mit einem musikalischen Set der Postmoderne.

(anw)
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